Vor 500 Jahren: Zu den Anfängen österreichisch-russischer Beziehungen Herbersteins Gesandtschaft und sein Bild von Russland

 

Vor 500 Jahren: Zu den Anfängen österreichisch-russischer Beziehungen

Herbersteins Gesandtschaft und sein Bild von Russland

 

Österreich und Russland waren in ihren jeweiligen Staatswesen durch Jahrhunderte große Länder in Ost- und Mittelosteuropa. Bereits ein erster Blick auf die Ent- wicklung beider Staaten zeigt die große Zahl an Berührungspunkten, an politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Schnittmengen, an Kontinuitäten, aber auch an Gegensätzlichkeiten. Durch Jahrhunderte bestimmte Herberstein mit seinen Berich-  ten das Russland-Bild in Mittel- und Westeuropa. Das rechtfertigt auch eine aus- führlichere Beschäftigung mit seinen Reiseschilderungen vor 500 Jahren in diesem Beitrag. Er kann als einer der ersten erfolgreichen Reiseautoren angesprochen wer-  den. Herbersteins Berichte waren bald Pflichtlektüre für Diplomaten des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

 Österreich – Russland

Beide Staatswesen gehen in ihrem Kern auf sehr frühe Herrschaftsbildun­ gen um das Jahr 1000 zurück und sind somit ungefähr gleich alt: das Ostar­ richi der Babenberger, also das österreichische Kernland (heute Niederös­ terreich), und die Kiewer Rus, aus der später die russische Staatswerdung hervorging.

Die  babenbergischen,  dann  habsburgischen  Länder  wurden  bald  zu größeren Einheiten zusammengefasst, zum Haus Österreich, zur „casa d’Austria“. Ebenso war es mit den Besitzungen der Rurikiden und Roma­ nows, die das „Dom Romanovych“ begründeten.

Die Herausbildung eines modernen Staatswesens erfolgte sowohl in Russland, als auch in Österreich relativ spät, im 17./18. Jahrhundert: Peter d. Große, Katharina II., Maria Theresia und Josef II.

Am Wiener Kongress schuf man gemeinsam die Basis einer europäi­ schen Architektur für das 19. Jahrhundert und verbündete sich, gemeinsam mit Preußen, in der „Heiligen Allianz“ gegen die revolutionären Ideen der Französischen Revolution.

Territoriale Reibungsflächen und Interessenslagen wurden teils zulas­ ten Dritter gelöst, wie das polnische Beispiel im 18. Jahrhundert zeigt, oder ohne Dankbarkeit zum eigenen Vorteil entschieden, etwa in der fehlenden Unterstützung Österreichs für Russland im Krimkrieg und in der Frage der Donau­Fürstentümer an der Moldau. Der von Russland stets verfolgte Zu­ gang zur Adria und zum Mittelmeer wurde nicht zuletzt von Österreich­ Ungarn noch 1913 mit der Gründung Albaniens  verhindert.

Beide Imperien, vereint im Wesentlichen in der Person des Herr­ schers, multiethnisch, christlich (wenn auch durch das Schisma innerchrist­ lich getrennt), doch in vielen europäischen Werten vereint. Ohne Kolonien, wirtschaftlich dem übrigen Europa nachhinkend,  feudalistisch,  mit  einer sehr späten Industrialisierung, wirtschaftlich weitgehend autark, mit einem sehr geringen Außenhandel. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schafften beide Staaten einen gewaltigen wirtschaftlichen Take­off, Russland hatte zeitweise die höchsten Wachstumsraten in Europa, Österreich stand dieser Performance kaum nach. Es waren zwei bürgerliche Ministerpräsi­ denten, später nobilitiert, die diesen industriellen Aufschwung ermöglich­ ten: Ernest Koerber und Sergej Witte, ein Baltendeutscher.

Bürgerlich­liberale Strömungen setzten sich in beiden  Staaten  erst sehr langsam und unter großen Schwierigkeiten durch, eine  konstitutio­ nelle Monarchie ließen Franz Joseph und Nikolaus II. nur unter äußerstem Druck zu: in Österreich nach der Revolution von 1848 und der Gefahr des Verlustes der Herrschaft, in Russland erst 1905, nach dem verlorenen Krieg gegen Japan und der ersten Revolution. Nationalstaatliche Ideen blieben unterdrückt. Dennoch war der Nationalismus jener Keim, der die multieth­ nischen Imperien 1917/1918 zum Einsturz  brachte.

 

Zerfall der Imperien

Beide Imperien zerbrachen am Ende des Ersten Weltkriegs. Beide vor allem von innen her. Die schlechte Versorgung der Bevölkerung, Hunger, Meu­ tereien, Revolutionen. Frieden und Brot wurden zu zentralen Losungen, nicht nur in Petrograd. Dazu kam die Explosivkraft der Forderungen des US­Präsidenten Woodrow Wilson 1917 nach dem Ideal nationaler Selbst­ bestimmung. Die USA waren im April 1917 in den Krieg eingetreten, etwa zu dem Zeitpunkt, als Lenin mit deutschem Geld im plombierten Eisen­ bahnwaggon aus Zürich kommt und Petrograd erreicht, um letztlich durch eine Revolution die deutsche Ostfront zu entlasten. Jedes Volk, so der US­ Präsident, solle „frei über sein politisches System und seine eigene Ent­ wicklung bestimmen können“. Die Rechte  kleiner  Ethnien  sollten  jenen der großen Ethnien ebenbürtig sein. Seine Forderung, die er in Appellen formuliert, findet gewaltigen Anklang, namentlich in den multiethnischen Staaten Russland und Österreich­Ungarn. Der Zerfall der beiden Imperien wird beschleunigt. Die Südslawen, Tschechen und Polen fordern ihre nati­ onalen Rechte, Gleiches tun etwa die Ruthenen (Ukrainer), als sie in Wien eine eigene Republik für ihre westlichen Teile gründen. Im Jänner 1918 befeuert Wilson mit seinen 14 Punkten nochmals die nationale Frage und die Neugründung von Staaten auf dem Gebiet der einstigen Imperien. Die 14 Punkte Wilsons sollten auch die Basis für eine neue Friedensordnung in Europa sein.

 

Österreich – Sowjetunion

Sie waren es nicht. Denn die Pariser Vororte­Verträge schufen keine lang­ fristigen Lösungen. Mittel­Osteuropa wurde zu einer Zone der Instabilität: Auch als „Zwischeneuropa“ (Giselher Wirsing) bezeichnet, waren es die Länder zwischen den großen Staaten, der Sowjetunion (seit 1922) Stalins   und dem „Dritten Reich“ Hitlers, von denen sie schließlich auch inhaliert wurden. Doch zu dieser Zeit war Österreich schon ein Teil des Deutschen Reiches und Russland nur eine Republik der Sowjetunion, wenn auch die größte und führende.

An die 180.000 österreichische Soldaten der Deutschen Wehrmacht fielen im Krieg gegen die Sowjetunion (Tausende von ihnen gelten bis  heute als vermisst), 135.000 Österreicher wurden in sowjetischen Kriegsge­ fangenenlagern registriert. Etwa eine halbe Millionen sowjetischer Zwangs­ arbeiter und Kriegsgefangener arbeitete während des Zweiten Weltkrieges    in den Industrien und in der Landwirtschaft auf dem Gebiet Österreichs. Rund 90.000 Sowjetbürger (Rotarmisten, KZ­Häftlinge, Zwangsarbeiter, Zivilisten) sind noch heute in Österreich begraben, 268.000 Sowjetsoldaten erhielten 1945 die Medaille „Für die Einnahme  Wiens“.

Ein Drittel Österreichs blieb nach dem Zweiten Weltkrieg für zehn Jahre unter sowjetischer Besatzung, seine Industrie des ehemaligen „Deut­ schen Eigentums“, gepresst in sowjetische Strukturen, lieferte als „Sowjeti­ sche Mineralölverwaltung“, als „Verwaltung sowjetischen Eigentums“ (USIA) und als DDSG für das sowjetische Imperium. Die österreichische Zusiche­ rung einer Neutralität gab der Sowjetunion die Möglichkeit eines einmaligen Truppenabzugs aus Zentraleuropa und einer Demonstration ihrer neuen Po­ litik unter Chruschtschow, der „Friedlichen Koexistenz“. Für Österreich war es 1955 umgekehrt die Möglichkeit zum Abschluss des Staatsvertrags.

Wien, immer wieder von Moskau favorisiert, wurde zu einem Ort   der Begegnungen im „Kalten Krieg“, wird dritte UNO­Stadt und Sitz zahlreicher internationaler Organisationen. Der erste Gipfel der bipolaren Welt, Kennedy­Chruschtschow, findet 1961 in Wien statt. Es folgt der Gip­ fel  Carter­Breschnjew1  1979  zur  Unterzeichnung  des  SALT­II­Vertrages. Chruschtschow reist 1960 dreizehn (!) Tage durch Österreich, alle österrei­ chischen, sowjetischen und seit 1992 russischen Spitzenpolitiker absolvieren wechselseitige Staats­ und Arbeitsbesuche in Wien und Moskau.

Selbst die Interventionen der Sowjetunion in Ungarn 1956 und 1968  in Prag und Pressburg/Bratislava, die Polenkrisen, der Zerfall des sowjeti­ schen Imperiums 1991 und der Beitritt Österreichs zur EU 1995 (den die Sowjetunion immer ausgeschlossen hatte), wurden bilateral gemeistert. Seit dem 1. September 1968 beziehen Österreich und der Westen sowjetisches/ russisches Gas über die Pumpstation an der österreichisch­slowakischen Grenze. Der Außenhandel zwischen beiden Staaten wächst kontinuierlich. Österreichische Firmen sind in Russland führend engagiert, von der „Stra­ bag“ bis zur „Agrana“. Dazu gibt es einen signifikanten Forschungs­ und Wissenschaftsaustausch. Eine österreichisch­russische Historikerkommission arbeitet seit zehn Jahren die gemeinsame Geschichte  auf.

Siegmund von Herberstein

Eine Beschreibung der österreichisch­russischen Beziehungen wäre voll­ kommen unvollständig, würde man dem nicht auch das Russlandbild zu­ grunde legen, wie es sich durch Jahrhunderte in Mittel­ und Westeuropa verfestigt hat. Obwohl vielfach überlagert durch die Auswirkungen ver­ wandtschaftlicher Beziehungen der russischen Aristokratie, vor allem mit deutschen und britischen Fürstenhäusern, durch die beiden Weltkriege, den Nationalismus des 19. Jahrhunderts, die NS­Rassenideologie und durch die Erfahrungen der Menschen in den von der Roten Armee nach 1945 be­ setzten Ländern, geht das Russlandbild doch wesentlich auf die Berichte Herbersteins vor 500 Jahren zurück. Dies rechtfertigt auch eine ausführli­ chere Beschäftigung mit seinen Reiseschilderungen vor 500  Jahren.

Der Beginn intensiverer Beziehungen zwischen Österreich und Russland geht allerdings weit zurück und reicht an die Zeitenwende vom Mittelalter zur Neuzeit, als der habsburgische römisch­deutsche Kaiser Ma­ ximilian I. einen jungen Gesandten zu einer nahezu aussichtslosen diplo­ matischen Mission in das unbekannte Land der „Reissen“, an den Hof des Moskowiter Fürsten entsandte. 2000 Jahre nach Herodot bereiste Herber­ stein die russischen Ländereien. Er gilt seither als der Entdecker Russlands für den Westen, obwohl er nicht der erste Russland­Reisende war und si­cherlich Passagen aus anderen Berichten, wie von Johann Faber, übernom­ men hatte.

Siegmund von Herberstein, Baronis in Herberstain, Neyperg & Gut­ tenhag, Sproß einer der ältesten österreichischen Familien, wurde 1486 in Wippach/Vipava/Vipacco in Krain nahe dem Isonzo und der italienischen Grenze geboren.3 Er war von schwacher Statur und Gesundheit. Daher kümmerten sich seine Eltern verstärkt um seine Bildung. In Wien studierte er Jus, auf den herrschaftlichen Feldern erlernte er bei den leibeigenen Bau­ ern das damals gebräuchliche Slowenisch („Windisch“), er war mehrspra­ chig, ein Parade­Humanist seiner Zeit. Kaiser Maximilian I. schlug ihn 1514 zum Ritter, nachdem Herberstein gemeinsam mit seinem  Bruder Georg,  der sich im „Windischen“ Bauernkrieg einen unrühmlichen Namen ge­ macht hatte, erfolgreich die von den Venezianern niedergebrannte Festung Marano am Ufer des Tagliamento eroberte.

  • Vor ihm schrieben über Russland u. a. Nikolaus von Kues (1453), Mathias von Miechow (Krakau 1517), Johann Faber (Tübingen 1525), Paolo Giovio (Basel 1525) und Anton Wies (Karte der russischen Gebiete, 1542), etwa gleichzeitig Erzbischof Olaus Magnus, „der Gothe“ (Rom 1555). – Friedemann Berger (Hg.), Sigmund von Herberstain, Weimar/DDR o. J., S. 181. Die folgenden wörtlichen, ins Hochdeutsche transkribierten Zitate sind Bergers Arbeit entnom- men. – Zur Übernahme ganzer Textstellen und Ausdrücke, die sich bei anderen Autoren finden, durch Herberstein vgl. Frank Kämpfer, Herbersteins nicht eingestandene Abhängigkeit von Johann Fabri aus Leutkirch, in: Jahrbuch für Geschichte Osteuropas, Bd. 44/1996, S. 1–27.
  • Aus der großen Fülle an Literatur zu Herberstein und zu seiner Moscovia vgl. a.: Bertold Picard (Red.), Sigmund Freiherr von Herberstein, Beschreibung Moskaus der Hauptstadt in Russ- land samt des moskowitischen Gebietes 1557. Vorwort: Stefan Verosta, Österreichische Diploma- ten. Graz–Wien–Köln 1966 (die im Folgenden wiedergegebenen, neuhochdeutschen Textstellen sind dieser Ausgabe entnommen); Frank Kämpfer, „Moskowiterpest“ (Moskovskij mor’): Woher hat Herberstein diesen Terminus? (= Kämpfer, Moskowiterpest), in: Kappeler, Russland 16. und 17. Jahrhundert, S. 159–166; Andreas Kappeler, „Quis potest contra deum et magnam Neugardiam?“ Novgorod und sein Verhältnis zum Moskauer Zentrum im Lichte von Ausländerberichten des 16.

und 17. Jahrhunderts, in: Kappeler, Russland 16. und 17. Jahrhundert, S. 167–184; Den allgemeinen Stand der bisherigen Herberstein-Forschungen geben im Überblick wieder: Gerhard Pferschy (Hg.), Siegmund von Herberstein. Kaiserlicher Gesandter und Begründer der Rußlandkunde und die europäische Diplomatie. Graz 1989 (= Pferschy); A. L. Choroškevič (Red.), Sigismund Ger- berstejn, Zapisi o Moskovii, 2. Bde., Moskau 2008 (zahlreiche Abbildungen, Karten, umfangreicher wissenschaftlicher Apparat); Z. Nožnikova (Red.), Sigismund Gerberstejn, Moskovija. Vladimir 2008 (mit einem reichen wisssenschaftlichen Anmerkungsapparat); A. I. Maleina (Red.), Velikaja Moskovija. Baron Sigismund Gerberstejn, Zapisi o moskovickich delach und Pavel I. Novokomskij, Kniga o moskovickom posol’stve. Moskau 2008 (reich illustriert und wissenschaftlich konnotierte Ausgabe).

Herberstein vertrat den alten Rittergeist an der Wende vom Mittel­ alter zur Neuzeit in neuer Form, als rittermäßiger Beamter. Kaiser Maxi­ milian I. schätzte seine Sprachkenntnisse, seine Gewandtheit und übertrug ihm heikle diplomatische Aufträge. Schnell galt Herberstein als erfolgreicher Diplomat. Polen, Litauen, Spanien, ja selbst Sultan Suleiman der Prächtige standen auf der Reiseliste seiner mehr als 60 Missionen. Doch Russland war eine besondere Herausforderung. Nur wenige hatten das Gebiet der „Reis­ sen“ bereist, und es gab nur spärliche Berichte über das weite Land, in dem bis kurz zuvor Mongolen und Tataren herrschten. Und Herberstein wollte diese Mission, obwohl zunächst jemand anderer dafür vorgesehen war. Wel­ chen Stellenwert für ihn die Gesandtschaft nach Russland hatte, zeigt sich auch darin, dass sein Wappen  als absolute Besonderheit auf der Helmzier   drei Figuren führt: den römisch­deutschen Kaiser in der Mitte, den spani­ schen König (Karl V.) und den russischen Herrscher Wassili III. auf den Sei­ ten.

Russland

Das Moskowitische Fürstentum war seit Langem nahezu völlig aus dem Blickfeld Europas verschwunden. In der Euphorie der  Entdeckung Ame­ rikas und anderer ferner Länder um 1500 hatte man vom Osten Europas kaum Notiz genommen. Die Politik der Chanate auf dem Boden Russlands war auch kaum mit Europa verbunden, Heiraten zwischen europäischen, mongolischen und russischen Fürstengeschlechtern blieben die absolute Ausnahme.

Das europäische und das russische Mittelalter waren weitgehend ge­trennt voneinander durchlebt  worden.  Die  Kirchenspaltung,  beginnend um das Jahr 1000, die fremde und gefürchtete Mongolen­Herrschaft über  die russischen Gebiete mit der forcierten Abwendung der kleinen  russi­ schen Fürstentümer von Europa, hatten das Ihre dazu beigetragen. 1240 fiel Kiew („Ravenna des Nordens“), das damals mit rund 60.000 Einwohnern   so groß war wie Paris und größer als London oder Wien. Einzig das Ge­   biet um Nowgorod Weliki blieb von den Mongolen unbesetzt. 1241 stan­ den die mongolischen Reiter unter Dschingis Khans Enkel, Batu Khan, in Schlesien, vor den Toren Wiens und in Wiener Neustadt. Nicht die Schlacht bei Liegnitz, sondern Glück rettete damals Zentraleuropa und das Heilige Römische Reich. Nur sieben Jahre nach dem Fall Kiews und der Bedro­ hung des christlichen Europa starten westeuropäische Herrscher, beginnend mit dem Papst, eine regelrechte Gesandtschafts­Pendel­Diplomatie mit Be­ suchen an vielen europäischen Höfen und Gegenbesuchen in Karakorum. Russische Fürsten nehmen an den gegenseitigen Besuchen allerdings nicht teil.

Denn das Land war, mit Ausnahme von Nowgorod Weliki, unterwor­ fen und für ein Viertel Jahrtausend aus dem politischen Horizont des mit­ telalterlichen Europa verschwunden. Hier begann im 13. Jahrhundert der Alltag der Mongolen­ und Tatarenherrschaft,5 u. a. mit einem straff orga­ nisierten Beamtenapparat. In den russischen Burganlagen (den Kreml) der Städte saßen tatarische Statthalter und am Hofe des Khans in Sarai (nahe Wolgograd) eingesetzte, abhängige, botmäßige russische Fürsten. Die Mon­ golen und Tataren (Turkstämme), die bald nach Beginn ihrer  Herrschaft über die russischen Gebiete den Islam angenommen hatten, sicherten den orthodoxen Christen zwar weitgehende Religionsfreiheit, ihren Klöstern und  Kirchen  Schutz  und  Steuerfreiheit  zu,  pressten  jedoch  Bauern und Händler durch hohe Steuern, auch mithilfe der ihnen untergebenen russi­ schen Fürsten und des Klerus, aus.

Scholastik, Minne und Rittertum blieben den Russen ebenso fremd wie das Lateinische als linqua franca oder eigene Universitäten. Die einst stolzen, christlichen Fürsten von Kiew, Wladimir, Susdal, Kasan, Moskau oder Twer hatten mit reichen Geschenken nach Osten, zum moslemischen Khan nach Sarai oder zum Großkhan nach Karakorum zu pilgern. Dort wurde über ihr weiteres Schicksal entschieden, wurden die Zahlungen ein­ gefordert, Ehen zwischen tatarischen Prinzessinnen und russischen Adeligen gestiftet und die Thronfolgen geregelt. Die kleinen russischen Fürstentümer waren eben der westliche Teil des größten, geschlossenen Imperiums der Weltgeschichte, begründet von Dschingis Khan, geworden, das von China bis an die Adria reichte. Die Gesellschaft in den einzelnen russischen Fürs­ tentümern wurde vor allem durch die rund 250­jährige Mongolen­ und Tataren­Herrschaft ethnisch, religiös und sozial stark durchmischt. „Hinter jedem Russen steckt auch ein Tatar“, so der Volksmund.

Dennoch blieben in Russland an der Wende zur Neuzeit noch zahl­ reiche Gemeinsamkeiten mit Europa, konnten – trotz tatarischer  Herrschaft

– Eigenständigkeit im Glauben, in der Orthodoxie, in der Kirche, in Kultur und Wirtschaft weitgehend erhalten werden. Sie resultierte aus den Traditi­ onen der alten Waräger, der alten Kiewer Rus, von Wladimir (Andrej Rubl­ jow) und Susdal (Frauenkloster), dem Mönchstum, der Dichtung (Nestor­ chronik; Lied von Igors Heerfahrt), den Handelsbeziehungen zur Hanse im Norden und zu Ostrom/Byzanz im Süden oder den demokratischen Tra­ ditionen des von den Mongolen nicht eroberten Nowgorod, wie die vor­ wiegend aus griechischen Schriftzeichen abgeleitete kyrillische Schrift, ein Lehens­ und Feudalsystem, das Mönchstum, ein starker Antijudaismus  bis hin zu immer wiederkehrenden Judenpogromen oder die Entwicklung von Städten rund um den Kreml. Zweifellos hat der Abwehrkampf der Russen gegen die Mongolen und Tataren deren militärischen Vorstoß nach Mittel­ europa gedämpft.

Im 15. Jahrhundert wurde die Herrschaft  der Tataren, der  Golde­  nen Horde (russisch: orda), langsam abgeschüttelt, auch weil die Horde in Teilfürstentümer (Emirate) zerfallen war. Gleichzeitig konnte Moskau zum stärksten  Fürstentum, auch  mithilfe  des  orthodoxen Patriarchen, aufsteigen und fühlte sich stark genug, um durch Heirat mit Zoë Sophia Paläologa, der Nichte des letzten oströmischen Kaisers Konstantin XI., die Nachfolge des von den Osmanen eroberten Konstantinopel anzutreten („Drittes Rom“). Der byzantinische Doppeladler wurde in das Moskowiter Wappen imple­ mentiert, ein deutliches Zeichen der Nachfolge Konstantinopels durch Moskau. Der Moskauer Großfürst Iwan III., der bis heute am längsten im Kreml residierende Herrscher, der beim „Sammeln der  russischen Erde“ und der orthodoxen Christen zahlreiche Nachbarfürstentümer eroberte und unterwarf, schmückte sich mit dem Titel „Zar“ (Alleinherrscher/Autokrat).6 Das  vor  Selbstvertrauen  strotzende  Moskowiter  Reich  wurde  nun

von allen Seiten umworben. Es galt, das Potenzial des  riesigen  Gebietes, seine Rohstoffe, seine militärische Stärke, seine Handelsrouten und seine geopolitische Lage im Dreieck Polen/Litauen–Heiliges Römisches Reich– Osmanisches Reich zu nutzen und es als neuen Player auf seine Seite zu bringen. Das Moskowiter Reich kam in das europäische Spiel der Kräfte  und des Gleichgewichts. Iwan III. und sein Sohn Wassili III. hatten natürlich vor allem die Rückeroberung der von Polen­Litauen eroberten westrussi­ schen Gebiete im Visier.

So hatte Iwan III., nach der Eroberung Nowgorods, seine Grenzen nach Livland vorgeschoben und nun gemeinsame Interessen mit Maximi­  lian I., nämlich: Polen­Litauen. Das Bündnis der beiden war 1514 schnell geschlossen (Vermittlung durch Georg Schnitzenpaumer, Hauptmann zu Pettau/Ptuj). Polen­Litauen wurde zum Pufferstaat, bedrängt im Osten und im Westen. Für Wassili war ein wesentlicher Punkt des bilateralen Vertrags­ werkes freilich die Bezeichnung als „von Gottes Gnaden Kayser und Herr­ scher aller Rewssen“. Eine nachträgliche Änderung des Textes auf Wunsch Maximilians durch Konrad Peutinger änderte daran nichts mehr. Tatsäch­ lich wurde gerade die Anerkennung der Würde eines „Zaren“/Kaisers für den russischen Großfürsten für Maximilian ein Streitpunkt, der schließlich auch das Offensivbündnis gegen Polen­Litauen zahnlos werden ließ. Auch Herberstein vermied es, Wassili als „Zar“ oder Kaiser anzusprechen oder zu benennen.

Wassili erfuhr bald von Verhandlungen Maximilians mit dem jagi­ ellonischen Polenkönig Sigismund I. hinter seinem Rücken. Für Maximi­ lian ging es um die ungarischen und böhmischen Kronen, wofür er sich die Unterstützung Sigismunds sichern wollte, und er brach am Wiener Kon­ gress 1515 die ein Jahr zuvor mit Wassili geschlossene Allianz.

Damit hatte sich Maximilian in eine diplomatische Sackgasse manöv­ riert, weil er sich zwischen mehrere Stühle gesetzt hatte: Polen unterstützte er ausdrücklich bei der Forderung nach Rückgewinnung russischer und ukraini­ scher Gebiete; mit Wassili, der ihm Treuebruch vorwarf, hatte er sich überwor­ fen, wohl wissend, dass der Einfluss Moskaus im Ostseeraum stark zunahm.

So blieb Maximilian nur noch das Osmanische Reich, das ebenfalls über den Balkan an die Grenzen seines Reiches klopfte. Um die Polen­Li­ tauer für einen gemeinsamen Kampf gegen die Türken zu gewinnen, musste man sie in ihrem Dauerkrieg gegen die Großfürsten in Moskau   entlasten, d.

  1. den Krieg beenden. Daraufhin sollte Wassili Smolensk an Polen zurück­ geben und als Bündnispartner im Kampf gegen die Türken einer neuen Al­ lianz des Reiches und Polens beitreten.

Dies war die Ausgangsposition der Gesandtschaft Herbersteins nach Moskau, der Auftrag Maximilians. Eine „Mission impossible“, völlig irreal und ohne jegliche Aussicht auf Realisierung.

 

Die Reisen Herbersteins

Im Spätherbst 1516 brach der 30­Jährige von Augsburg über (Nieder­) Österreich, Böhmen, Schlesien, Polen und Litauen nach Moskau auf. In ein Gebiet, das sich unter Großfürst Wassili III. („dem  Buckligen“), einem  an sich eher schwachen Herrscher, anschickte, eine europäische Macht zu wer­ den. Quasi unterwegs sollte er in Litauen noch die Hochzeit der italieni­ schen, sehr reichen Prinzessin Bona Sforza (Herzogin von Bari und Fürstin von Rossano) mit dem polnischen König Sigismund I. einfädeln. Was ihm auch gelang. Sforza wurde Königin von Polen und Großfürstin von Litauen. Die gelungene Heiratsvermittlung sollte freilich dem eigentlichen Ziel der Gesandtschaft dienen, die enttäuschten Russen für eine Allianz gegen die Türken zu gewinnen. Diese hatten 1453 das christliche Konstantinopel er­ obert, die Kirchen zerstört oder aus ihnen Moscheen  gemacht.

Nowgorod – das Gegenmodell zu Moskau

Auf seiner Reise, alles im Sattel, in der Kutsche oder auf Schlitten, kam er

  1. a. über die freie Stadt Pleskau/Pskow in die Stadtrepublik Nowgorod­ Weliki, die er in einer wörtlichen Übersetzung „Neugarten“ nannte.7 Now­ gorod, eine Wiege des „alten Russland“, wurde zuvor von Iwan III. 1478 unterworfen, annektiert und ihrer geistigen und wirtschaftlichen Eliten, ih­ rer Schätze an Gold und Schmuck, beraubt. Der große Handelsplatz Now­ gorod, der in ständiger Handelsverbindung mit der deutschen Hanse, mit Schweden, Litauen oder Polen stand, hatte einen Teil seiner wirtschaftlichen Bedeutung eingebüßt, politisch ging er freilich einen konträren Weg.

Mit seinem „vetsche“, einer Volksversammlung, die Fürsten einsetzte, und einem mächtigen Erzbischof („vladyka“) zeigte Nowgorod einen be­ ginnenden Separatismus gegenüber Moskau  und  einen  gewissen  Hang  zum Katholizismus, wie er im benachbarten Polen­Litauen vorherrschte. Herberstein: Summa summarum, ein äußerst zivilisiertes Volk („gens hu­ manissima ac honesta“), das allerdings durch den Moskowiter Einfluss (die

„Moskowiter Pest“) besonders korrumpiert („corruptissima“) wurde. In den Handelsbräuchen gehe es nach der Annexion durch Moskau schlicht um    die Einführung des orientalischen Handelsbrauchs gegenüber dem bis dahin geübten Brauch der deutschen Hanse. Nun herrsche nicht mehr der „Geld­ Ware­Handel“ wie im Westen, sondern der Tauschhandel Ware gegen Ware („Stich und Tausch“).8

Nowgorod könnte von Herberstein insbesondere als Gegenpol zum autokratischen, orthodoxen Moskau gesehen worden sein. Trotz aller Un­ terjochung blieb die Stadt auch unter Moskauer Herrschaft (und nach der abermaligen Eroberung durch Iwan IV., den Schrecklichen“ 1570) eine be­ deutende, reiche russische Stadt.9

Wassili III. empfing Herberstein nach seiner monatelangen Reise im Kreml in eher frostiger Atmosphäre, jedoch mit dem üblichen protokollari­ schen Gepränge, was Herberstein als „mit großem Pomp“ ausdrückte. Was­ sili machte demgemäß auch überhaupt keine diplomatischen  Zugeständnisse.

Sämtliche Vorsprachen Herbersteins und diplomatischen Bemühungen schlu­ gen, wie angesichts der Lage nicht anders zu erwarten war, fehl. Eine Koali­ tion mit dem katholischen Polen lag weder im Interesse der orthodoxen Kir­ che noch in jener von Wassili. Noch weniger kompatibel war für die Russen das Ansinnen, Smolensk herauszugeben, hätte dies doch die Politik des „Sam­ melns der russischen Erde“ konterkariert. Besonders anmaßend empfand Wassili auch die von Maximilian eingenommene Rolle eines Haupt­Schieds­ richters. Auch die nahezu beschwörenden Worte Herbersteins zum Kampf gegen die Türken, in der Manier eines Aufrufes zu einem neuerlichen Kreuz­ zug, mit denen er Wassili auf seine Seite ziehen wollte, konnten dies nicht mehr ändern: „[…] In Wilna habe ich den türkischen Gesandten gesprochen, er sagte, der Sultan habe Damaskus, Jerusalem und ganz Ägypten unterwor­ fen. […] Herr, wir haben schon früher die Macht des Sultans gefürchtet. Ist sie jetzt nicht noch mehr zu fürchten?“

Nach sieben Monaten reiste Herberstein am 22. November 1517 wieder aus Moskau ab und erstattete seinem Kaiser in Innsbruck einen aus­ führlichen Bericht. Doch Wassili ließ ihn nicht allein reisen. Eine russische Gesandtschaft begleitete ihn, um Kaiser Maximilian die russische Haltung präzise zu erklären. Was Herberstein jedoch nicht wissen konnte: Während  er nach Westen fuhr, schickte Wassili einen Getreuen zu Sultan Selim nach Konstantinopel, um die Beziehungen mit den Türken auf eine neue Quali­ tät zu heben. Auch Wassili ließ sich eben einige Optionen offen und traute dem Kaiser in Wien, den er in der Anrede gegenüber den Diplomaten    stets

„als den höchsten König“ bezeichnet hatte, nicht  ganz.

Auch seine zweite, wiederum rund siebenmonatige Gesandtschaft 1526/27, nun schon im Auftrag von Kaiser Karl V., dem Enkel Maximilians, bzw. im Auftrag seines Bruders, Erzherzog Ferdinand, dem späteren Kaiser Ferdinand I., brachte diplomatisch und politisch wenig ein. Herberstein reiste diesmal zu zweit, Gesandter Graf Leonardo Nogarola war im Auftrag Kaiser Karls V. der eigentliche Ansprechpartner für den russischen Großfürsten. Und auch diesmal kehrte Herberstein voller Eindrücke über Land und Leute, vol­ ler Berichte und Aufzeichnungen, die ihm zugetragen worden waren, heim. Die diplomatischen Bemühungen Leonardo Nogarolas blieben, ebenso, wie Herbersteins Werben um den Zaren wenige Jahre zuvor, ohne Erfolg. Auf dem Heimweg erfuhr Herberstein vom plötzlichen Tod des Ungarnkönigs in der Schlacht von Mohácz, was Ferdinand laut Vertrag zum Erbberechtigten der ungarischen und böhmischen Kronen machte. Herberstein nutzte seine Heimreise noch dazu, in Krakau die Modalitäten der Übernahme von jagiel­ lonischen Gütern in die Verfügungsgewalt Ferdinands zu regeln. So schaffte er doch noch einen kleinen diplomatischen Erfolg, den er seinem Herrn in Prag am Tag der Krönung [24. Februar 1527] vortragen konnte.

Die diplomatische Mission nach Moskau war freilich von diesen Er­ eignissen in den Hintergrund gedrängt worden. Nunmehr standen die Kriege gegen die Türken für den Kaiser im  Vordergrund  seiner Außen­ und Kriegspolitik. Immer wieder jedoch konnte der römisch­deutsche Kai­ ser in Wien in seinem Kampf gegen die Türken auf Rückendeckung durch den russischen Zaren in Moskau hoffen.

Die Moscovia

Waren die beiden Missionen erwartungsgemäß wenig bis gar nicht erfolg­ reich, so verhält es sich mit dem „Nebenprodukt“ der Gesandtschaften gänzlich anders: Herbersteins Schilderungen umfassen Selbsterlebtes, Be­ richte und eigene Recherchen vor Ort. Vieles hatte er während seiner zwei Reisen notiert, Karten angefertigt, in Bibliotheken recherchiert. Doch es dauert über 20 Jahre, ehe er seine Kenntnisse in einem Buch publizieren kann. Schuld daran ist vor allem die Vielzahl anderer Missionen, die ihn u.

  1. noch an den Hof von Sultan Soleiman, nach Ungarn oder nach Polen, nach Spanien oder Italien führen. Erst 1549 ist es soweit, und es erscheint  in Wien die erste Ausgabe seines Werkes in lateinischer Sprache als „Re­  rum Moscoviticarum commentarii“, gewidmet seinem Gönner Erzherzog Ferdinand, dem späteren römisch­deutschen Kaiser Ferdinand I. Schon zwei Jahre später erscheint das Werk unter demselben Titel in

Herberstein redigiert und publiziert seine Berichte mehrfach und in mehreren Sprachen, in Latein, der damaligen lingua franca, in Deutsch und in Italienisch, um sie und Russland, das bereiste Land, möglichst breit be­ kannt zu machen. Für die anderen Sprachen heuert er  Übersetzer an. Er kann als einer der ersten erfolgreichen Reiseautoren angesprochen werden. Basel, Frankfurt am Main und Wien sind die häufigsten Erscheinungsorte seiner Werke. Herberstein erkennt sehr schnell das große Interesse und die enorme Nachfrage. So arbeitet er laufend an seinen Erzählungen weiter, kor­ rigiert ältere Versionen, erweitert sie um neue Begebenheiten, Erfahrungen, Moskowiter Hofklatsch,10 teilweise auch Legenden, die er vom Hörensagen erfahren hat, oder publizierte Teile seiner früheren Ausgaben als eigenständige Bücher, wie 1563 einen Band über das Leben der Moskauer: „Moscouiter. Wunderbare Historien: in welcher der trefflichen Grossen Land und Reüßen, sampt der hauptstatt Moscauw […] bey uns in Teütscher nation unbekanndt gewesen.“ Am bekanntesten wird freilich seine erste deutsche Übersetzung, die 1557 als „Moscovia, der Hauptstat in Reissen“, in Wien publiziert wird. Herbersteins Berichte zu Russland waren bald Pflichtlektüre für Diplomaten des 17. und 18. Jahrhunderts. Die erste russische Ausgabe wird heute im Rus­ sischen Staatsmuseum am Roten Platz in Moskau aufbewahrt.

Herberstein beschreibt im Wesentlichen, was er entlang seiner Rei­ serouten sah, was ihm zugetragen wurde und was er auch über weiter weg liegende Gebiete und Ethnien  in  Erfahrung bringen konnte. Von  der  al­ ten Kiewer Rus, über die er aus ihm zugänglichen Chroniken erzählt, die Christianisierung der Gebiete, die Herrschaft der Mongolen/Tataren bis zur Herauslösung der einzelnen Fürstentümer aus dem mongolischen Joch und der Erstarkung Moskaus. Besonders interessant sind seine Beschreibungen  des Alltagslebens der Russen, ihrer Sitten und Gebräuche, die Stellung der Frau, den Hofstaat des Herrschers oder die landschaftlichen  Berichte.

Ein umfangreiches Kapitel widmet Herberstein der Religion und der orthodoxen Geistlichkeit, nicht ohne auf die Unterschiede zum Katholizis­ mus und auf das Schisma einzugehen: „Die Russen sind in dem Glauben,   den sie zuerst angenommen, bisher unverändert geblieben, nämlich nach Ordnung der Griechen. Aller Gottesdienst wird in ihrer Sprache gehalten.  Sie predigen nicht; die offene Beichte und Verkündung der Tage tun sie öffentlich bei dem Altar.“ Es folgt ein Exkurs über die Christianisierung,   die Stellung des Metropoliten, der Erzbischöfe, Äbte, Priester und   Diakone:

„Man findet selten eine Kirche ohne Priester: und er ist nur schuldig, drei Tage in der Woche den Gottesdienst der Messe zu verrichten. […] Jeder  trägt einen Stab, darauf er sich lehnen kann, genannt Possoch. Den Klöstern sind vorgesetzt […] Äbte und Prioren, man nennt sie Igumen und Archi­ mandrit; die haben gar strenge und schwere Regeln und Gesetze […] Sie dürfen keine Freuden genießen. […] Fleischessens müssen sie sich ewig ent­ sagen. Sie alle müssen nicht allein dem Großfürsten, sondern einem jegli­ chen Bojaren, vom Fürsten ausgesandt, Gehorsam leisten“.

Als besonders notwendig sieht Herberstein auch die kirchlichen Ge­ setze gegen das teilweise zügellose Leben von Priestern und  Mönchen.

Die Stellung der Frau ist für ihn besonders bedauernswert. Nicht nur, dass die Mädchen von ihren Vätern – nach Verhandlungen mit dem zu­ künftigen Bräutigam – verheiratet werden. Bis zu drei Ehen werden tole­ riert: „Scheidung gibt es allgemein bei ihnen, sie geben Scheidebriefe. Im­ merhin verbergen sie das nach Möglichkeit, denn sie wissen, dass es gegen  die Religion und ihre Gesetze ist.“ Wieso, so fragt sich Herberstein, sollte   es auch anders sein, hatte doch der Großfürst selbst seine Salomea nach 21 Jahren Ehe, weil sie als unfruchtbar galt, in ein Kloster gesteckt und sich   eine andere zur Frau genommen. „Ehebruch nennen sie es nur, wenn es einer mit der Frau eines anderen Ehemanns getrieben hat. Sie halten die Weiber in schlechter Liebe […] Besonders die Vornehmen und Edlen, die viel und oft in Diensten sind und reisen müssen, verlassen sie oft und be­ gehen andere unnatürliche Sachen. Denn sie halten keine für fromm oder ehrbar, die auf die Gasse geht. Darum halten die Reichen und Vornehmen ihre Frauen so abgeschlossen, dass niemand ihnen zu Gesicht oder mit ih­  nen zum Reden kommt, übergeben ihnen auch nicht die Wirtschaft, einzig das Nähen und Spinnen. […] Huhn, Vogel oder Fisch von Weibern getötet, scheuen sie [wie Unreines] zu essen; […] Selten lässt man sie zur Kirche gehen, noch seltener zu Freunden, sie wären denn so alt geworden, das man nicht mehr auf sie achtet und keinen Verdacht  hat“.

Großfürst Wassili wird von Herberstein in zahlreichen Bemerkungen ab­ schätzig, ja sogar verächtlich beurteilt, als schwacher Herrscher dargestellt. Bei­ spiele dafür, dass die vermuteten genauen Beobachtungen Herbersteins immer wieder überlagert werden von Stereotypen, den Ansichten zufälliger russischer Gesprächspartner und in manchem einer Überprüfung nicht standhalten.11

Ausführlich und  an  vielen  Stellen  schildert  Herberstein  den Alltag in Russland, etwa wenn es um die Feiertage geht: Diese „werden von den Angeseheneren oder Reichen nach dem Kirchgang mit gutem Essen und Trinken, sowie in feineren Kleidern begangen. Die Armen [Volk, Gesinde und Sklaven] arbeiten wie an anderen Tagen, indem sie sagen, feiern und sich der Arbeit enthalten, kommt den Herren zu. Bürger und Handwerker besuchen die Kirche, danach arbeiten sie wie sonst; sie meinen, seliger sei arbeiten, als mit Trinken, Spielen oder anderem dergleichen das Ihrige un­ nütz vertun. Den gemeinen Leuten ist auch das Trinken von Met und Bier verboten, außer zu einigen bestimmten Zeiten  im  Jahr, so  zu Weihnach­ ten, Fasching, zu den Ostern, Pfingsten und etlichen anderen festgelegten Zeiten; an diesen Tagen feiern sie mehr des Trinkens als der Andacht hal­ ber“. Detailliert beschreibt er die Ess­ und Trinkgewohnheiten der Russen („Es ist bei ihnen eine große Ehre und große Gnade, die Leute betrunken   zu machen“), die besondere Art, fortwährend Trinksprüche auszubringen,  bei denen jeweils die Becher geleert werden müssen. Die umfangreiche, mächtige russische Sprache konnte auch Herberstein nicht verborgen    blei­ben. Besonders die ordinäre, teilweise aus dem Tatarischen kommende Sprache, das russische Mat, beschreibt er etwa mit typischen Redewen­ dungen beim Fluchen, wie „dass dir die Hunde deine Mutter ficken mö­  gen, […]“.

Ausführlich widmet sich Herberstein den ihm völlig fremden Tata­  ren, deren Herkunft und Geschichte er beschreibt. Stereotype, die er un­ reflektiert aus polnischen Quellen und aus Erzählungen von russischen Gesprächspartnern übernimmt, kommen vor. Sie werden später das „Rus­ senbild“ durch Jahrhunderte in Westeuropa prägen: „Die nächsten in der Krim sind von mittlerer Länge, breitem, fleischigem, wie geschwollenem Gesicht, kleinen, einwärts gedrehten Augen, […] sie sind unkeusch und von verkehrten Trieben. Alles, selbst gestorbene Pferde und Vieh, nehmen sie zu ihrer Speise; Schweine essen sie nicht. […] Kleider haben Mann und Weib  die gleichen, allein dass die Weiber das Haupt mit einem Leinentuch bede­ cken; doch auch sie tragen leinene Hosen. […] Recht gibt es nur gering. Man nenne es, wie man will, sie rauben und nehmen heimlich und öffent­ lich, was sie bekommen können. […] alles ist im Tausch oder Ware gegen Ware zu bekommen […].“12 Gerade die Handelspraktiken der Tataren, so Herberstein, färbten auf die Russen ab. Denn auch sie „handeln mit List    und auch Betrug und nicht mit wenig Worten, wie manche geschrieben ha­ ben. Sie trauen sich, ihre Waren um das Dreifache Geld anzubieten“. Ge­ rade in den Abschnitten über die Gebräuche im Handel zeigt sich deutlich  die Intention Herbersteins, den Hansischen Handel und seine Gebräuche    in Gegensatz zum orientalischen Handel, ausgehend von Mongolen und Tataren, als zivilisiert darzustellen. Herberstein ist dabei ebenso voreinge­ nommen und unterliegt Stereotypen, wie in der bei ihm anzutreffenden Bezeichnung der „Moskowiterpest“.13

Der überwiegende Teil der Bevölkerung des Moskauer Großfürsten­tums lebte auf dem Land, es waren rechtlose Bauern, vollkommen der Will­ kür der Gutsherren ausgeliefert. „Der Bauer muss für den Herrn sechs Tage in der Woche arbeiten, der siebente ist sein. Er hat ein eigenes Stück Feld  und Wiese, womit er auskommen muss. Es ist ein erbarmungswürdiges Volk, mit allem Leib und Gut der Edlen Raub; dazu schlägt man sie furchtbar.“ Anders der Bojare oder Edelmann, der „zwar arm ist, doch deucht es ihm schmählich, mit der Hand zu arbeiten. […] Handwerker und Arbeiter neh­ men als Taglohn anderthalb Dengen, das wäre fünfeinhalb Wiener Pfennig. […] Den Dienern geht es so, wie zuvor vom Weibe gesagt: sie meinen, ihre Herren lieben sie nicht, wenn sie ungeschlagen  bleiben“.

Trotz aller, von Herberstein festgehaltenen und vom westeuropäi­ schen Leben abweichenden – mitunter überzeichneten und damals gängi­ gen Stereotypen folgenden – Sitten und Gebräuche der Russen, wird aus Herbersteins Beschreibungen deutlich:

  • Russland ist eine neue Großmacht im Osten des
  • Russland ist ein zutiefst feudalistisch geprägtes Land. Grundgesetze, Herrschaftspraxis und Lebensformen weisen dies
  • Die östlichen Grenzen des russischen Gebietes, und damit Europas, verlaufen vom Ural – dem Unterlauf der Wolga – über das Kaspische und Schwarze Meer bis zum Die von ihm angefertigten Karten und Skizzen machen dies deutlich.
  • Moskau steigt zum Zentrum der Orthodoxie auf und löst Konstanti­ nopel
  • Die Autokratie der Moskauer Zaren hat sich gegenüber den demokra­ tischen Ordnungen durchgesetzt. Sie gehört nachher mit der Ortho­ doxie und der Volksverbundenheit zu den Identitäten
  • Scholastik, Lehenswesen, Latein und Universitäten sind den Russen im Mittelalter
  • Wirtschaftlich dominieren Landwirtschaft und Handel. Der typische Russe ist ein „Bauer“.

 

Herberstein, der vier Kaisern als Diplomat gedient und fast alle Länder Eu­ ropas besucht hatte, starb 80­jährig 1566 in Wien. Seine Informationen und Beschreibungen der Sitten und Gebräuche, der Menschen und ihrer Spra­che und Mentalitäten waren ein Fundament, um Brücken nach Russland     zu bauen und eine Isolation des Landes, die für Europa später immer von Nachteil war, zu verhindern.14

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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