Vision für die österreichische Wirtschaft

 

Vision für die österreichische Wirtschaft

 

Der Beitrag entwickelt, ausgehend von der Darstellung der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs und deren Wurzeln in der Entwicklung der letzten 20–30 Jahre, den Versuch eines sinnvollen Narrativs für die österreichische Wirtschaftspoli- tik der kommenden Jahre. Der Autor argumentiert, dass ein Focus auf die Anhebung des Produktivitätswachstums viele Einzelinitiativen der österreichischen Wirtschafts- politik sinnvoll bündeln könnte, die in den kommenden Jahren notwendig wären,  und daraus ein Programm entwickelt werden könnte, das auch von mehreren Parteien und der österreichischen Bevölkerung akzeptiert wird. Die Grundlinien eines solchen Programms – wenn man will, einer solchen Vision – werden im Beitrag  beschrieben.

Einleitung

Die österreichische Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte ist eine Erfolgsgeschichte.Wenn man von den letzten Jahren absieht, waren die jähr- lichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts lange über dem Niveau von Deutschland, das oft als Referenz für Österreich herangezogen wird. Auch andere wirtschaftliche Kennzahlen waren beachtlich, wie zum  Bei- spiel die Arbeitslosenquote, die lange einer der geringsten in der Europäi- schen Union war, obwohl man dabei nicht außer Acht lassen darf, dass ös- terreichische Spezifika, wie eine sehr hohe Rate an Frühpensionierungen und der freie Hochschulzugang, ein wenig dazu beigetragen  haben.

Beim Betrachten der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte fällt auf, dass zumindest seit Mitte der 1980er-Jahre fast durchwegs klare, teilweise von außen vorgegebene Ziele existierten, die die österreichi- sche Wirtschaftspolitik verfolgten. Das erste Ziel dieser Zeit war der öster- reichische Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1995. Zweifellos war er Auslöser für eine Reihe von wirtschaftspolitischen Reformen in Österreich, zum Teil erzwungen durch die Übernahme des acquis communautaire der EU, zum Teil freiwillig als Vorbereitung auf den erwarteten stärkeren Wettbewerb in einigen Bereichen durch die EU-Konkurrenz, der sich zwangsläufig durch den EU-Beitritt ergab bzw. ergibt. Die österreichische Reformagenda war dabei weitgehend durch die EU bzw. durch Sachzwänge vorgegeben.

Nach dem österreichischen Beitritt zur Europäischen Union entwi- ckelte sich die nächste „Aufgabe“ für die österreichische Wirtschaft und für die österreichische Wirtschaftspolitik aus der wirtschaftlichen Öffnung der mittel- und osteuropäischen Länder und später aus dem Beitritt vieler dieser Länder zur Europäischen Union in zwei Etappen in den Jahren 2004 und 2007. Die wirtschaftspolitischen und unternehmerischen Implikationen, die mit dieser Entwicklung einhergingen, waren zum Teil exogen determiniert, zum Teil hat die österreichische Wirtschaft das Heft in die Hand genommen und sehr erfolgreich die Chancen aus den Entwicklungen genutzt.

Alle Expertinnen und Experten sind sich einig, dass die beiden gro- ßen wirtschaftspolitischen Herausforderungen der letzten drei Jahrzehnte einen nachhaltigen und positiven Beitrag zur österreichischen Wirtschafts- entwicklung in signifikanter Höhe geleistet  haben. Meine  Hypothese  ist, dass dies nicht zuletzt auch deshalb geschah, weil die Wirtschaftspolitik in Österreich klare Ziele – oder, wenn man so will: eine klare Vision – hatte, deren konsequente Verfolgung sich zum Teil der ideologischen Debatte zwischen den jeweiligen Koalitionspartnern entzog und daher die wirt- schaftspolitischen und regulatorischen Voraussetzungen für ein konstantes Wachstum geschaffen wurden.

Die, wenn man so will, Wachstumsdividenden aus den beiden Bege- benheiten für Österreich sind zwischenzeitlich weitgehend abgebaut. Das aktuelle österreichische Potenzialwachstum ist zu gering, um mit der sehr dynamischen Entwicklung des Arbeitskräfteangebots am Arbeitsmarkt mit- zuhalten.Trotz steigender Beschäftigung steigt die Arbeitslosigkeit weiter an, auch wenn glücklicherweise wahrscheinlich 2018 der Plafond dieser Ent- wicklung erreicht werden wird, mit zusätzlichen Maßnahmen durch die Regierung vielleicht schon früher. Das Produktivitätswachstum ist – aller- dings im Einklang mit den meisten anderen entwickelten   Volkswirtschaften

– gering, was zu einer weitgehenden Stagnation der durchschnittlichen Re- allöhne über die letzten Jahre geführt hat. Viele dieser Entwicklungen be- treffen mehrere entwickelte Volkswirtschaften, vor allem die europäischen, und es gibt eine Reihe von Erklärungsansätzen, was die Gründe für die Entwicklungen betrifft. Bedenklich stimmt allerdings, dass Österreich in fast allen internationalen Standort-Rankings, auch im europäischen Vergleich in den letzten Jahren zurückgefallen ist. Es liegt nahe – neben all den exoge- nen Faktoren, die Österreich als kleines Land nur sehr begrenzt beeinflus-  sen kann –, diesen Rückfall seit einigen Jahren zumindest zum Teil auf die fehlende wirtschaftspolitische „Aufgabe“, die mittelfristige Vision bzw. das wirtschaftspolitische Narrativ zurückzuführen.

Wirtschaftspolitische Herausforderungen für Österreich

Natürlich gibt es aktuell ausreichend wirtschaftspolitische Aufgaben und Herausforderungen. Dazu zählen zum Beispiel die Aufräumarbeiten nach der Finanz- und Bankenkrise, die Österreich über Jahre hinweg politisch gefor- dert haben. In diesem Zusammenhang seien auch die Herausforderungen für die europäische Währungspolitik zu nennen, die sich aus der Staatsschulden- krise und den stark asymmetrischen, zentrifugalen wirtschaftlichen Entwick- lungen innerhalb des Euroraumes ergeben. Als die Finanzkrise    weitgehend aufgearbeitet schien, begann die starke Zunahme an Flüchtlingen und Mi- grantInnen bzw. begannen MigrantInnen Österreichs Wirtschaft und seine Wirtschaftspolitik im weiteren Sinne auf die Probe zu stellen. Der bevorste- hende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU (Brexit) und die zu- nehmend protektionistischen Tendenzen weltweit, aber auch und vor allem innerhalb Österreichs – was in einer kleinen offenen Volkswirtschaft mit Import- und Exportquoten von rund 50% des Bruttoinlandsprodukts beson- ders anachronistisch anmutet – kommen da noch dazu. Zuletzt seien noch  die weiterhin unbefriedigenden Ergebnisse unseres Bildungssystems genannt, bei vergleichsweise sehr hohen Kosten desselben, und die Umstellungserfor- dernisse im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt als Folge dessen, was landläufig als Digitalisierung und Industrie 4.0 bezeichnet wird.

Die Auflistung zeigt: Das Bestehen von Herausforderungen und die Verfügbarkeit von potenziellen Zielen sind nicht das Problem. Die österrei- chische Wirtschaftspolitik hat allerdings – wie andere, vergleichbare Staaten in ähnlicher Form – auf viele dieser Herausforderungen seit 2007 ledig-     lich reagiert und sich bisher nur sehr eingeschränkt positive Visionen zu eigen gemacht. Damit meine ich das Fehlen der Darstellung, welche Rolle Österreich wirtschaftlich, sagen wir 2025 bzw. 2030, spielen soll und was dazu nötig ist, um die Ziele zu erreichen. Das Fehlen einer solchen Vision rächt sich nun politisch, weil man im ideologischen Klein-Klein gefangen scheint, das sich in einer großen Koalition noch zwangsläufiger ergibt als in ideologisch kohärenteren Koalitionen und das in Zeiten unklarer genereller Zielsetzung eo ipso zusätzlich verstärkt wird und damit Zukunftsprojekte tendenziell verhindert. Wie immer man zu vergleichbaren wirtschaftspoliti- schen Visionen zum Beispiel in Deutschland, im Detail steht, so kann man doch erkennen, dass die deutsche Politik es geschafft hat, trotz Regierungs- wechsel an diesen „Visionen“ oder – profaner – Projekten, wie der Agenda 2010 (unter anderem mit Hartz IV) oder der Exzellenzinitiative im Bereich der Hochschulen festzuhalten. Konsistenz, Beständigkeit und  Planbarkeit sind wichtige Voraussetzungen, um auf der Basis einer vertrauensvollen Po- litik wirtschaftspolitisch gestaltend eingreifen zu können und tatsächlich positive Wirkungen zu erzielen. Am Rande sei jedoch erwähnt, dass man auch das deutsche Beispiel und seine Effekte in den letzten Jahren nicht überhöhen darf: Deutschland hatte über eine lange Zeit den Rucksack der Wiedervereinigung zu tragen und holt in den Wachstumsraten jetzt das auf, was es gegenüber Österreich in den Jahren nach der Jahrtausendwende ver- loren hat. Man kann daher diesen Aufholprozess auch  als  eine Art natür- liche Gegenreaktion betrachten. Die verschiedenen Reformen sind  sicher nur eine der Determinanten der positiven wirtschaftlichen Entwicklung, die Deutschland in den letzten Jahren genommen  hat.

 

Tabelle 1: Wichtige Prognoseergebnisse für 2017 und 2018 – Quelle: Institut für Höhere Studien; Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent

 

  2017 2018
Bruttoinlandsprodukt, real 1.4 1.5
Privater Konsum, real 1.1 0.9
Bruttoinvestitionen insgesamt, real 2.7 2.6
Bruttoanlageinvestitionen, real 2.4 2.3
Ausrüstungsinvestitionen, real 3.3 3.0
Bauinvestitionen, real 1.5 1.5
Inlandsnachfrage, real 1.4 1.2
Exporte i.w.S., real 3.1 3.2
Waren, real (laut VGR) 3.3 3.5
Reiseverkehr, real (laut VGR) 1.0 0.8
Importe i.w.S., real 3.4 2.9
Waren, real (laut VGR) 3.4 2.9
Reiseverkehr, real (laut VGR) 1.0 1.0
Unselbstständig Aktiv-Beschäftigte 1.1 1.0
Arbeitslosenquote: Nationale Definition* 9.5 9.6
Arbeitslosenquote: Eurostat-Definition* 6.3 6.3
Bruttolohnsumme pro Aktiv-Beschäftigten 1.4 1.8
Preisindex des BIP 1.4 1.7
Verbraucherpreisindex 1.8 1.8
3-Monats-Euribor* –0.3 –0.2
10-Jahres-BM-Rendite öst. Staatsanleihen* 0.8 1.0

 

 

Quelle: Statistik Austria, IHS-Berechnungen

 

Auch wenn man sich naturgemäß keine wirtschaftlichen Wunder erwarten darf, würde Österreichs Wirtschaftspolitik von einem Einvernehmen über ein neues Narrativ, eine neue Vision – sozusagen einen Plan für Österreich 2025 oder 2030 – profitieren. Eine solche Fixierung kann nur funktionie- ren, wenn sich die Politik und die Gesellschaft auf wenige, aber dafür große wirtschaftspolitische Projekte einigen und diese dann von der Politik Schritt für Schritt umgesetzt bzw. „abgearbeitet“ werden. Das  gesamtwirtschaftli- che Umfeld dafür ist im Moment vergleichsweise positiv. Das Wirtschafts- wachstum ist wieder auf ein Niveau zurückgekehrt, das gewisse Spielräume eröffnet, die Steuereinnahmen sprudeln und die Stimmung in den Unter- nehmen ist so gut wie schon länger nicht mehr (selbst wenn auch im Be- reich der Zukunftserwartungen Österreich einigen vergleichbaren Ländern hinterherhinkt). Sogar das Konsumentenvertrauen scheint sich in Österreich wieder zu verbessern. Das Jahr 2017 würde also einen, aus jetziger Sicht, sehr guten Rahmen für die Entwicklung und teilweise Implementierung eines wirtschaftspolitischen Reformprogramms bieten. Tabelle 1 präsentiert einen Auszug aus der wirtschaftlichen Prognose für 2017  und  2018, der diese Aussage belegt.

 

Welche wirtschaftspolitischen Visionen sich anbieten

Welche Themenfelder bieten sich für eine solche Vision für Österreich an? Viele Wirtschaftsforscherinnen und -forscher sind sich einig, dass der Ver- such der Erhöhung des Produktivitätswachstums ein ganz zentraler Aspekt für die österreichische Wirtschaftspolitik sein muss. Obwohl das Thema auf den ersten Blick etwas trocken klingt, hat es auch das Potenzial für ein um- fassendes Narrativ. Produktivitätswachstum ist kein Selbstzweck. Wir wissen, dass, zumindest langfristig, die Entwicklung des Wohlstands  eines  Staates bzw. seiner Bürgerinnen und Bürger von seiner Produktivitätsentwicklung abhängt; mit anderen Worten: Unsere Möglichkeiten, Güter und Dienstleis- tungen zu konsumieren, hängen letztlich davon ab, wie produktiv wir in deren Produktion sind. Die wichtigsten Determinanten für die Produktivi- tätsentwicklung sind nicht überraschend der Bildungsstand der werktätigen Bevölkerung – auch als Humankapital bezeichnet –, die Demografie eines Landes, physisches Kapital, der technische Fortschritt und die     Rahmenbedingungen für die Unternehmertätigkeit – von der Kapitalbeschaffung bis hin zu den Rahmenbedingungen regulärer Geschäftstätigkeit. Die Entwick- lung der Arbeitsproduktivität, das heißt des Outputs pro eingesetzte Arbeitseinheit, bestimmt langfristig die Reallohnentwicklung in einem Land. Durchschnittliche Reallohnerhöhungen sind daher langfristig nur dann nachhaltig erreichbar, wenn wir es schaffen, produktiver zu werden bzw. mehr Arbeitsplätze in produktiven Wirtschaftsbereichen zu kreieren.

Österreich als Hochlohn- und Hochsteuerland ist  damit  auf  eine  gute Produktivitätsentwicklung quasi angewiesen. Mit der Außensicht ist erkennbar, dass gewisse Standort-Rankings, die zwar im Einzelfall weitge- hend arbiträre Kriterien verwenden und daher immer Angriffspunkte für Kritik enthalten, in ihrer Gesamtheit nicht vollständig falsch sind und dass Österreich tatsächlich an Attraktivität eingebüßt hat. Das liegt einerseits an den schon kurz angesprochenen fehlenden Weiterentwicklungen im Bil- dungssystem und im Bereich der Forschung. Da dies ein Punkt ist, der im- mer wieder genannt wird, kann man sich hier eine umfassende Auflistung  der bekannten Unzulänglichkeiten im System ersparen. Drei Fragen fassen jene Aspekte zusammen, die vielleicht nicht so häufig genannt werden, wie die Aspekte im Zusammenhang mit der Diskussion über die gemeinsame Schule bis zu einem Alter von 12 oder 14 Jahren: Warum gibt es im Be- reich der frühkindlichen Pädagogik, vor allem im Bereich der Kindergär-  ten, keine Anstrengungen, die Ausbildung der Kindergärtner und Kinder- gärtnerinnen zumindest zum Teil auf eine akademische Basis zu stellen, um schon zu einem Zeitpunkt zu fördern, zu dem die Förderung von Kindern am effizientesten ist? Warum haben Schulen in Österreich nicht mehr Au- tonomie, bei gleichzeitiger Transparenz von erbrachten Leistungen,  aber auch Transparenz der Rahmenbedingungen, denen sich die Schulen ausge- setzt sehen, und warum werden die vielen Schulversuche nur unzureichend evaluiert und damit das Lernen über die Schulen hinaus nicht stärker un- terstützt? Warum gibt es für die österreichischen Universitäten und außer- universitären akademischen Institutionen keine der Exzellenzinitiative in Deutschland  vergleichbare Anstrengung?

Andererseits gibt es aber auch andere Aspekte in Österreich, die nur indirekt mit der Wirtschaftspolitik zusammenhängen, die aber dazu beitra- gen, dass wir im Vergleich ähnlicher kleiner, offener Volkswirtschaften    zurückfallen. Aufgrund der gemeinsamen Sprache mit Deutschland und der Schweiz sind, erstens, die Fremdsprachenkenntnisse und das Ausmaß der internationalen Erfahrungen von österreichischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern außerhalb des deutschsprachigen Raumes geringer als in vergleichbaren Ländern, die mehr und mehr zu Standortkonkurrenten wer- den – darunter einige mittel- und osteuropäische Länder. Ein Internatio- nalisierungsschub, der Mobilität und Sprachkenntnisse der  Österreicherin- nen und Österreicher fördert, nämlich auch insbesondere jener, die keinen höheren Bildungsabschluss anstreben, wäre in diesem  Zusammenhang  ein sehr wichtiges Signal. Zweitens ist die nachgewiesene Technologiefeindlich- keit des durchschnittlichen Österreichers bzw. der durchschnittlichen Ös- terreicherin von Nachteil, wenn es stimmt, dass wir uns in einer Phase des industriellen Wandels befinden, der die Art und Weise, wie wir Güter und Dienstleistungen produzieren, nachhaltig und fundamental verändern wird. Hier kann die Politik vor allem die Veränderungsprozesse begleiten und noch viel stärker positiv besetzen. Zweifellos werden Arbeitsplätze in ge- wissen Bereichen wegfallen, und der Wandel wird schneller vonstattengehen als frühere soziale Wandel. Andererseits werden viele neue Beschäftigungs- möglichkeiten entstehen, und die Entwicklung der Beschäftigtenverhältnisse über die letzten Jahre hinweg zeigt, dass eine generelle Reduktion der Ar- beitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht in Sicht ist. Das ist übrigens auch die Erkenntnis aus vergleichbaren Episoden der Wirtschaftsgeschichte: Auch wenn es kurz- und mittelfristig durch Innovationen und strukturelle Verän- derungen in den Produktionsprozessen auch insgesamt zu Arbeitsplatzver- lusten kommen kann, so gibt es keine Episode, wo langfristig oder gar per- manent eine Reduktion der Beschäftigung zu beobachten war. „This time is different“ ist daher eine sehr gewagte  Hypothese.

Ein besonderer Aspekt in Österreich hängt mit der Regulierung und Bürokratisierung zusammen. Hier fehlt es nicht an guten Ideen, Berichten von Reformkommissionen und Expertisen. Es fehlt vor allem an einem konkreten Umsetzungsplan – einem Plan, in dem man aufzeigt, wie man viele der bestehenden guten Ideen möglichst rasch in die Realität umsetzt. Eine Möglichkeit dazu wäre es, sich politisch zu verpflichten, Vorschläge ei- ner Expertinnen- und Expertenkommission  weitgehend  umzusetzen, ohne sie  einzeln  dem  politischen  Prozess  zu  unterwerfen.  Eine abgeschwächte Form einer solchen Vereinbarung würde eine gewisse Anzahl  an  Vetos durch die Koalitionsparteien zulassen, aber diese Anzahl beschränken. Man kann an Regelungen wie jene im Vereinigten Königreich denken, die die Regierung dazu zwingt, für jede neue  Regulierung  eine  gewisse Anzahl von alten Regulierungen auslaufen zu lassen, oder zumindest an eine Be- stimmung, dass neue Regulierungen evaluiert und nach einer gewissen Zeit durch den Gesetzgeber bestätigt oder verlängert werden müssen (so genannte sunset clauses).

Es verwundert generell,  dass  die  große  Koalition nicht innovativer in der Art und Weise ist, wie sie die natürliche gegenseitige Blockade zu- mindest teilweise konterkariert. Man könnte sich zum Beispiel Teile eines Koalitionsvertrages vorstellen, der in den klaren Verantwortungsbereich ei- ner Partei fällt: eine Maximalvariante eines solchen Abtausches wäre es beispielsweise, wenn eine Partei für die Bildungspolitik und die andere Partei für die Wissenschafts- und Hochschulpolitik verantwortlich wäre, mit einer starken Beschränkung der wechselseitigen Vetomöglichkeiten bei den jeweiligen Projekten. Nach fünf Jahren könnte man sehen, wie sich die Bereiche entwickeln und hätte dann als Wählerin und Wähler auch klare Verantwortlichkeiten. Selbstverständlich wäre ein solches Arrangement nur schwer innerhalb der Parteien durchzusetzen, aber man könnte sich abgeschwächte Varianten oder ähnliche Ideen für weniger zentrale Politikbereiche vorstel- len. Jedenfalls müsste mehr Zeit darauf verwendet werden, mit innovativen Prozessen zu experimentieren – an dem Fehlen von bestehenden Inhalten, Konzepten und inhaltlichen Ideen scheitern die Reformen in Österreich, zumindest im Bereich Entbürokratisierung und Deregulierung, sicher  nicht.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der im indirekten Zusammenhang mit der Produktivität und vor allem mit der Beschäftigung steht, betrifft die Lohnnebenkosten. Dass diese in Österreich vergleichsweise hoch sind, ist weithin bekannt. Entscheidend ist, dass die Lohnnebenkosten aber gerade einige Gruppen am Arbeitsmarkt besonders belasten, die ohnehin durch den technologischen Wandel und teilweise durch die Verlagerung der Produk- tion in Länder mit geringeren Löhnen schon wirtschaftlich unter Druck stehen, weil es nicht einfach für sie ist, einen Arbeitsplatz zu finden (vor al- lem Niedrigqualifizierte, aber zum Teil auch ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer).  Dieser  Druck  wird  infolge  des  technologischen  Wandels nicht geringer werden, obwohl die meisten Szenarien dazu tendieren, einen Abbau an Beschäftigten im mittleren Lohnsegment vorherzusagen, weil ge- rade in diesem Bereich durch Digitalisierung standardisierte Prozesse relativ gut ersetzt werden können. Ein ähnlicher Aspekt ist die Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen, von denen im Idealfall beide Seiten – Arbeitnehmerin- nen und Arbeitnehmer auf der einen Seite und Unternehmen auf der ande- ren Seite – profitieren können.

Nun ist die Frage der Produktivität nicht die einzige Herausforde- rung für die kommenden Jahre. Eine Fokussierung auf sie hätte aber den Vorteil – im Gegensatz zu anderen Herkulesaufgaben der unmittelbaren Zukunft, wie die Integration von Migrantinnen und Migranten oder die Frage der Budgetkonsolidierung –, dass sie atmosphärisch relativ positiv be- setzt ist, dass es wahrscheinlich über die Ziele und sogar über viele Maß- nahmen über einige Parteigrenzen hinweg Übereinstimmung gäbe und dass sie positive externe Effekte auf andere Bereiche, also über die Wirtschaft hinaus, hätte. Allerdings müsste es wohl gelingen, möchte man sich an das Thema seriös heranwagen, jenes Stöckchen zu überspringen, das der öster- reichischen Politik von Expertinnen und Experten seit Jahren hingehalten wird und dass man bisher eher Limbotanz-artig unterlaufen hat: eine relativ umfassende Reform des österreichischen Bildungssystems, die wahrschein- lich von Reformen im Kindergarten bis hin zur Studienplatzfinanzierung und Kostenwahrheit im Hochschulbereich gehen  müsste.

Fazit

Ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach und Friedrich Hebbel ist wohlbekannt: „Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.“ Wenn die österreichische Wirtschaftspolitik das Zitat als Slogan dafür nimmt, bei globalen Entwicklungen vorne dabei zu sein, aktiv zu sein und Themen zu setzen, dann wäre sie auf dem richtigen Weg. Die letzten Jahre haben an der einen oder anderen Stelle den Eindruck vermittelt, dass nicht einmal mehr die Probe wichtiger Entwicklungen in Österreich gehal- ten wird, sondern dass die Wirtschaftspolitik, aber auch Teile der Wirtschaft, etwas den internationalen Entwicklungen hinterhergehinkt sind. Eine noch stärker internationale Ausrichtung, eine optimistische Herangehensweise   an die Herausforderungen, wie Digitalisierung und Globalisierung, und eine Orientierung an den besten Beispielen wirtschaftspolitischer Maßnahmen  im Vergleich über Staaten hinweg, anstelle von Nabelschau und Beschäf- tigung mit sich selbst, sind die Bestandteile einer erfolgreichen Wirtschaft und einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik.

Österreich ist stärker als vergleichbare Staaten  von  seiner  Industrie und von seinem produzierenden Gewerbe abhängig. Diese Tatsache zeigt beispielhaft, dass sich Österreich mittelfristig  darauf  konzentrieren  muss, dass gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen und dass es dann auch genug gut ausgebildete junge Österreicherinnen und Österreicher gibt, die diese Arbeitsplätze besetzen können. Es ist natürlich dem Mangel an Arbeitneh- merinnen und Arbeitnehmern im Tourismus geschuldet, dass in Österreich eher über das Problem der fehlenden Köche diskutiert wird, wohingegen in Deutschland über das Fehlen von Ingenieuren geredet wird. Aus Sicht der Produktivität ist die zweite Situation jene, die Wirtschaftsforscherinnen  und

-forscher begrüßen würden. Damit dann auch die wenig bekannte Fortset- zung des Zitats, die im 19. Jahrhundert wahrscheinlich etwas sarkastisch ge- meint war, zumindest perspektivisch auf Österreich als Vorreiter von inter- nationalen Entwicklungen tatsächlich zutrifft: „… Und waltet erst bei uns das Gleichgewicht, so wird’s auch in der andern wieder  licht.“

 

 

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