ORF neu denken Wie die richtige öffentlich-rechtliche Idee im Zeitalter der Digitalisierung auch richtig umgesetzt werden muss

 

ORF neu denken

Wie die richtige öffentlich-rechtliche Idee im Zeitalter der Digitalisierung auch richtig umgesetzt werden muss

Der digitalen Wandel stellt das gesamte Mediensystem auf den Prüfstand und bringt zunehmend disruptive Geschäftsmodelle und gesellschaftspolitische Phänomene zum Vorschein. Besonders der ORF als Träger der öffentlich-rechtlichen Idee in Österreich steht dabei vor strategischen und strukturellen Herausforderungen, die noch nicht annähernd angemessen bewältigt sind. Der dynamische Wettbewerb am Medienmarkt und die fortschreitende gesellschaftliche Diversifizierung fordern mehr denn je eine Unverwechselbarkeit in der Programmierung und die innovative Weiterentwicklung öffentlich-rechtlicher Stärken wie Vielfalt, Objektivität und  Qualität.

Unsere Zukunft ist vor allem eines – digital. Allgegenwärtige digitale Infra­strukturen, Produkte und Dienstleistungen verändern Wirtschaft, Gesell­schaft, Politik und unser gesamtes Leben. Die  öffentliche Diskussion über die Digitalisierung polarisiert sich gegenwärtig entlang von Extremen. Der Hoffnung auf grenzenlose (wirtschaftliche) Möglichkeiten stehen die Be­fürchtungen lückenloser Überwachung und Kontrolle des Einzelnen sowie massenhafter Substitution menschlicher Arbeitskraft gegenüber. Diese am­bivalenten Einschätzungen unterstreichen die Notwendigkeit einer umfas­ senden politischen Auseinandersetzung mit dem Prozess der Digitalisierung. Damit wir die positiven Effekte der Digitalisierung nutzen und   negative Effekte dieses Transformationsprozesses vermeiden können, braucht es entsprechende politische Ziel­ und Schwerpunktsetzungen. Die Digitalisie­rung und ihre Auswirkungen sind daher nicht losgelöst von gesellschafts­ politischen Visionen, ordnungspolitischen Konzepten und institutionellen Lösungen zu sehen. Wir brauchen eine zukunftsfähige digitale Ordnungs­politik.

Medien am Prüfstand

Dies gilt natürlich auch für das Mediensystem. Das Mediensystem ist Hauptbetroffener, Vorreiter und Mittler des digitalen Wandels. Wir haben es etwa mit einem vollkommen neuen Medien­ und Informationsnutzungs­ verhalten junger Generationen zu tun. Linearer Medienkonsum ist für sie in jeder Hinsicht von gestern. Sie sind schon lange ihre eigenen Programmdi­ rektoren.

Wir haben es mit zahlreichen neuen Playern am Medienmarkt zu    tun, die neue, „disruptive“ Geschäftsmodelle  verfolgen.  Amazon,  Net­  flix, Google, Facebook und Co. buchstabieren unsere Medienwelt neu und schaffen dabei ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Algorithmus­getriebene Technologieunternehmen sammeln und verteilen fremde Inhalte ohne Rücksicht auf die staatliche  Ordnung.

Wir sind mit einer Social­Media­Welt konfrontiert, die sich zur post­ faktischen Parallelwelt entwickelt, in der Gerüchte und Emotionen, bis hin zum Hass, Wort und Bild prägen. Auch die technische Manipulation kennt keine  Grenzen. Eine  Studie  der  University  of  Southern  California zeigt: Mindestens 400.000 Bots haben sich in die politische Diskussion zur US­ Präsidentschaftswahl auf Twitter eingemischt. Dabei produzierten die au­ tomatisierten Accounts geschätzte 20 Prozent aller thematisch passenden Tweets.1

Ein anderes Beispiel: Falschmeldungen über den US­Präsidentschafts­ wahlkampf wurden in den drei Monaten vor der Wahl auf Facebook stärker verbreitet als korrekte Nachrichten seriöser Medien. Einer Buzzfeed­Ana­ lyse zufolge wurden die 20 am stärksten über Facebook weiterverbreiteten Falschmeldungen von fingierten Websites oder extrem parteiischen Blogs mehr als 8,7 Millionen Mal weitergeleitet oder kommentiert. Im Vergleich dazu wurden die 20 am stärksten verbreiteten Wahlkampfnachrichten seri­ öser Medien, wie der „New York Times“ und der „Washington Post“, von Facebook­Nutzern nur knapp 7,4 Millionen Mal geteilt oder kommen­ tiert.2

Öffentlich-rechtliche und soziale  Medien

Was bedeutet das für unsere Demokratie, für unser Verständnis von Öffent­ lichkeit und für die Aufgaben, die wir den Medien zuweisen bzw. deren Erfüllung wir von ihnen erwarten? Ein Teil der notwendigen ordnungspo­ litischen Antwort auf die digitale Medienwelt ist es, die Idee des öffentlich­ rechtlichen Rundfunks neu zu denken – und besser  umzusetzen  als  das bisher der Fall war. Wir brauchen gerade in der neuen Medienwelt Plattfor­ men für die fundierte, demokratische Selbstverständigung und die Bewah­ rung, Reflexion und Weiterentwicklung kultureller Identität. Wir brauchen Plattformen, die wir als Gesellschaft mit der Erbringung dieser Leistungen beauftragen und dafür auch entsprechend finanzieren. Die öffentlich­recht­ liche Idee ist im Zeitalter von Social­Media­Echoräumen aktueller denn je. Für ihre zeitgemäße Umsetzung in Österreich ist viel zu  tun.

 

Herausforderungen für den ORF

Der ORF als Träger dieser öffentlich­rechtlichen Idee in Österreich steht  vor strategischen und strukturellen Herausforderungen, die noch nicht an­ nähernd angemessen bewältigt sind. Die Digitalisierung erfordert etwa die innovative Weiterentwicklung seiner Struktur, seines Geschäftsmodells und seines Selbstverständnisses. Der Wandel im Medienverhalten und in den An­ forderungen des Publikums machen eine Anpassung von Distributionswe­ gen und Zielgruppen­Strategien notwendig. Zunehmende gesellschaftliche Diversifizierung und das gesellschaftspolitische Ziel eines  „Rundfunks für alle“ sind nur dann vereinbar, wenn öffentlich­rechtliche Inhalte besser auf die Anforderungen unterschiedlicher Zielgruppen ausgerichtet werden. Der Wettbewerb am Medienmarkt und die dynamische Entwicklung neuer Ak­ teure und Geschäftsmodelle fordert mehr denn je die Unverwechselbarkeit  in der Programmierung und die Weiterentwicklung öffentlich­rechtlicher Stärken.

Nachfolgend sollen drei Themen exemplarisch herausgegriffen wer­ den, die für eine ORF­Reform von innen und außen unverzichtbar  sind.

 

Vielfalt, Objektivität und Qualität  ermöglichen

Vielfalt, Objektivität und Qualität müssen gerade in der digitalen Medien­ welt entscheidende Kennzeichen öffentlich­rechtlicher Informationsdienst­ leistung sein. In einer vielfältigen Gesellschaft ist es von großer Bedeutung, unterschiedliche Positionen und Meinungen ins Gespräch zu bringen und abzubilden. Die Aufgabe der  gesamtgesellschaftlichen  Integration  ist  eine der Kernherausforderungen, denen sich der ORF in der Berichterstattung und in Diskussionsformaten mehr denn je stellen muss. Mit der geplanten Etablierung eines multimedialen ORF­Newsrooms, der die Nachrichten­ produktion zentralisiert, gewinnt die Sicherstellung von Vielfalt zusätzliche Bedeutung. Eintopf­Nachrichten auf allen ORF­Medien sind eine  Sack­ gasse für die öffentlich­rechtliche  Idee.

Einseitige Berichterstattung, die bestimmte weltanschauliche Haltun­ gen präferiert, entspricht weder dem gesetzlichen Auftrag noch den Logiken der Digitalisierung: Wer im ORF offenkundig nicht korrekt und objektiv bedient  wird, sucht  sich  ein  anderes  Leitmedium. Mangelnde Objektivität vertreibt Zuseher und schadet dem demokratischen Diskurs. Umso wichti­ ger ist es, die Objektivität der Berichterstattung außer Streit zu stellen. Nicht durch schöne Public­Value­Worte, sondern durch konkrete öffentlich­recht­ liche Taten. Dazu gehören u. a. echter Binnenpluralismus in den Redakti­ onen, die korrekte Trennung von Nachricht und Meinung in der Bericht­ erstattung und ein System der „checks & balances“ in den redaktionellen Strukturen. Die ORF­Berichterstattung ist kein geeigneter Meinungsraum, um ideologischen Neigungen nachzugehen. Auch die laufende Kunden­ befragung in Sachen Objektivität und Vielfalt ist geboten. Der ORF fragt  sein Publikum in aufwändigen Meinungsforschungsprojekten vieles. Vor der Frage, ob das Publikum mit der Objektivität der Berichterstattung zufrieden ist, drückt man sich – wahrscheinlich aus guten Gründen.

ORF zum „innovation leader“ machen

Der Prozess der Digitalisierung hat für den ORF erhebliche Auswirkungen, weil er die medialen Bedingungen für Organisation, Produktion, Vertrieb  und Interaktion zum Publikum grundlegend verändert. Von großer Bedeu­ tung ist die Frage, wie man mit dem „generation gap“ umgeht, der durch nicht­linearen Medienkonsum bei den Jüngeren und noch weitgehend line­ aren Konsum bei den Älteren weiter wachsen wird.

Der ORF braucht eine umfassende Digitalisierungsstrategie und damit ein klares Konzept, wie er sich in den digitalen Medienwelten behaupten will. Es geht mittel­ bis langfristig um nichts anderes als um die Transfor­ mation des ORF vom traditionellen Rundfunkanbieter zum innovativen, multimedialen Content­Anbieter. Mit Ausnahme des Versuchs, innovative Gründungen ins Unternehmen hereinzuholen und damit die eigene Innova­ tionskraft aufzufrischen sowie lobenswerter Einzelprojekte junger Mitarbei­ ter, sieht der ORF in Sachen Innovationen alt aus. Dieses Strategie­ und In­ novationsdefizit in digitalen Zukunftsfragen muss rasch beendet werden, um das Unternehmen auf einen zukunftsfähigen Entwicklungspfad zu bringen.

Auch die österreichische Medienpolitik und insbesondere der Me­ dienminister sind gefordert, für diese Entwicklung die notwendigen me­ dienrechtlichen Rahmenbedingungen zu gewährleisten, welche zudem die kommerzielle Entwicklung privater Medienanbieter nicht  gefährden.

Programm aus und für Österreich

Die seit einiger Zeit schwelende Debatte  über  eine  mögliche  Privatisie­ rung von ORF eins hat einen klaren Grund: das Programm von ORF eins. Trotz Bemühungen für eine eigene Info­Schiene ist die Verwechselbarkeit  des „jungen“ ORF­Senders mit den Angeboten des Privat­TV hoch. Die sinkende Publikumsakzeptanz für US­Serienware und „Blockbuster“ unter­ streicht den Auftrag des ORF, Programmschöpfung aus und für Österreich unter Einbeziehung der österreichischen Kreativwirtschaft zu forcieren. Ziel muss eine optimale Wertschöpfungskette für österreichischen Content sein.

Die Situation von ORF eins ist symptomatisch für fehlende Prio­ ritäten und Schwerpunktsetzungen bei der Produktion von Programm. Hauptaufgabe des ORF ist und bleibt die Repräsentation und Reflexion österreichischer Identität. Gerade ein kleines Land wie Österreich muss in  der digitalen Medienwelt darauf achten,  seine  kulturelle  Eigenständigkeit und seine kulturellen Leistungen  sichtbar  zu  halten. Das  geht  nur, wenn der öffentlich­rechtliche Medienanbieter seinem Auftrag nachkommt und unverwechselbares Programm aus und für Österreich produziert und distri­ buiert.

Kernpunkt einer unverwechselbar österreichischen Programmstra­ tegie muss Regionalität sein. In einer globalisierten Welt steht die eigene Region nicht für gestrige Provinzialität, sondern für zeitgemäße kulturelle Identität. Die Nachfrage nach regionalen Informationen und Angeboten ist hoch bzw. weiter im Steigen begriffen. Die damit verbundenen Programm­ chancen müssen wesentlich offensiver genutzt werden. Die neun Landes­ studios sind integraler und unverzichtbarer Bestandteil des ORF und seiner öffentlich­rechtlichen Leistungen im Bereich der regionalen  Information und Identitätsstiftung. In der weiteren Regionalisierung liegen erhebliche Markt­ und Wettbewerbschancen für den ORF. Wer dort den Sparstift an­ setzen will, spart am falschen Platz. Ein stark in den Regionen veranker­    ter ORF braucht autonome Landesstudios und zusätzlich zur bundesweiten Distribution regionaler Inhalte die regionale Distribution regionaler Inhalte (z. B. weitere Durchschaltungen im Vor­ und Hauptabend).

Besser und günstiger

Ein wichtiges Reformthema – zunächst für den ORF selbst – ist die Frage  der Finanzierung. Dazu ist klarzustellen: Der Finanzbedarf des ORF hängt neben einnahmen­ und ausgabenseitigen Faktoren vom Leistungsprofil ab,  das die Geschäftsführung auf Basis des gesetzlichen Auftrags auszugestalten hat. Dieses Leistungsprofil kann nicht ins Unendliche  wachsen,  sondern muss vom Management klar priorisiert werden.

Gleichzeitig geht es darum, die Möglichkeiten des digitalen Wandels für kostengünstigere Produktionsmethoden zu nutzen. Hier besteht erhebli­ cher Nachholbedarf auch in struktureller Hinsicht. Ein interessantes Vorbild für das gesamte Unternehmen ist der Spartensender ORF III, der schlank aufgestellt ist, günstig produziert und zweifellos öffentlich­rechtliches Pro­ gramm liefert.

Welches Finanzierungssystem künftig für die  öffentlich­rechtliche  Idee angemessen ist – eine Medienabgabe, die öffentlich­rechtliche Inhalte fördert oder eine Weiterentwicklung des bestehenden Gebührensystems –, wird eine medienpolitische Entscheidung der Zukunft  sein.

Außer Frage steht: Wir brauchen im digitalen Zeitalter einen ORF,   der seinen gesetzlichen Auftrag besser, günstiger und innovativer erledigt. Dazu sind umfassende interne Reformen und zeitgemäße Rahmenbedin­ gungen notwendig. Sie dürfen nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden.

 

 

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