Österreich und Russland – 500 Jahre Nachbarschaft

 

Österreich und Russland – 500 Jahre Nachbarschaft

 

 

Seit Sigismund von Herberstein als Gesandter des habsburgischen Kaisers vor fünf­ hundert Jahren nach Moskau reiste und in seinem Buch „Moscovia“ erstmals für europäische Leser die Kultur Russlands beschrieb, ist das Interesse an einem guten, bilateralen Dialog zwischen Österreich und Russland  ein  wichtiger Teil  europä­ ischer Friedensordnungen. Es gehört zu den Konstanten der durchaus wechselhaften Geschichte bilateraler Beziehungen, dass Österreich daran interessiert ist, dass Russ­ land als europäischer Staat gesehen wird und sich auch selbst so versteht. Auch die beiden Weltkriege und die tiefen ideologischen Auseinandersetzungen des 20. Jahr­ hunderts haben daran nichts geändert. In der noch andauernden Transformations­ phase nach dem Ende der kommunistischen Sowjetunion 1991 und des Ausbaues   des Integrationsprojektes der Europäischen Union, der Österreich seit 1995  ange­ hört, ist der konstruktive Dialog mit Russland weiterhin ein zentrales Anliegen der österreichischen Außenpolitik.

Als Sigismund von Herberstein am 18. April 1517 als Gesandter des habsburgischen Kaisers Maximilian I. in Moskau eintraf, um mit dem Reich der Moskoviter zu verhandeln und später die Sitten und Mentalitäten dieses im Westen wenig bekannten Reiches in seinem Buch „Moscovia der Hauptstat in Reissen“ zu beschreiben, setzte er den Beginn einer für Österreich und Europa wechselhaften 500-jährigen Geschichte der politischen, wirtschaft- lichen und kulturellen Beziehungen. Der Beginn der diplomatischen Be- ziehungen zwischen dem habsburgischen Österreich und dem Russischen Reich wird zumeist bereits mit den Jahren 1488/1489 angesetzt, als mit Ni- kolaus Poppel ein erster Gesandter des Heiligen Römischen Reiches nach Moskau reiste, um Partnerschaften für die Auseinandersetzungen mit Polen und der Türkei zu verhandeln. Und bereits 1490 wurde ein erstes (wenn auch kurzlebiges) Bündnis geschlossen. Aber es waren erst die Russlandrei- sen von Herberstein, die jene bis heute gültigen Konstanten im Verhältnis zwischen Österreich und Russland begründeten.

Herberstein reiste nach Moskau, um über das politische Machtver- hältnis in Europa zu verhandeln, aber wofür er bis heute bekannt ist, sind seine Schilderungen über die Kultur und die Einstellungen der Menschen     in Russland. Dieses Interesse an der Kultur Russlands und an dem Wunsch nach einem Dialog hat sich nicht geändert. Und obwohl beide Staaten in diesen fünf Jahrhunderten enorme Veränderungen ihres Territoriums, ihrer Herrschafts- und Staatsform durchliefen, gibt es  erstaunliche  Konstanten: Das Verhältnis zwischen Österreich und Russland besitzt einen prägenden Charakter für die Situation der gesamten mitteleuropäischen Region und Österreich ist interessiert daran, dass Russland als europäischer Staat gese-  hen wird und sich auch selbst so  versteht.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 waren Österreich und Russland durch Jahrhunderte (nach den polnischen Teilungen auch geogra- fisch) Nachbarn, und von befreundeten und verwandten Dynastien geführte Großmächte, deren Interesse am Großmachtstatus, an geopolitischer Stabi- lität (z. B. Wiener Kongress 1814/1815) und an Expansion (z. B. Türken- kriege vom 16. bis ins 20. Jahrhundert) Allianzen oder Konkurrenzsituatio- nen auslösen konnten.

Die russischen Kontakte mit dem habsburgischen Österreich ver- stärkten  sich  besonders  im  18. Jahrhundert, als  unter  Peter  dem  Großen

Russland als werdende Großmacht nach Mitteleuropa strebte. Während des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) brachte zwar das Bündnis mit Russland keine Vorteile für Österreich, doch wurden die Kontakte enger, als Polen   ab 1772 unter seinen Nachbarn aufgeteilt wurde. Joseph II. bemühte sich  um die diplomatischen Beziehungen zu Katharina II. und unternahm zwei Reisen nach Russland, der russische Thronfolger Paul hielt sich 1781/1782 mehrere Wochen in Österreich auf. Die Zusammenarbeit auf dem Balkan wurde verstärkt, als Österreich und Russland 1788–1791 einen gemeinsamen Krieg gegen das Osmanische Reich führten. Doch wurde daraus zu- nehmend eine Rivalität, die bis zum Ersten Weltkrieg andauerte, weil Russlands Einfluss auf dem Balkan immer größer  wurde.

Während der Napoleonischen Kriege waren Österreich und Russland meist Verbündete gegen Napoleon, aber 1812 musste Österreich Hilfstrup- pen für den Feldzug Napoleons gegen Russland stellen. 1813 rangen beide Staaten gemeinsam mit Preußen Frankreich nieder, um danach auf dem Wiener Kongress gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich eine Si- cherheitsarchitektur Europas festzulegen, die die Einflusssphären dieser fünf Großmächte stabil absichern sollte. Nach dem Wiener Kongress gründeten Zar Alexander I., Kaiser Franz I. und König Friedrich Wilhelm III. die Hei- lige Allianz. 1849 half Russland bei der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn, die Haltung Österreichs im Krimkrieg trübte allerdings die Bezie- hungen, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts trotz mehrfacher Bünd- nisse zunehmend durch Spannungen geprägt  waren.

Der Erste Weltkrieg beendete die jahrhundertelang von Allianz und Konkurrenz geprägte Nachbarschaft. An ihre Stelle traten seit den frühen 1920er-Jahren pragmatisch korrekte Beziehungen  zwischen  zwei  Staaten, die in der Neuordnung Europas sehr unterschiedliche Rollen  einnahmen.

Österreichs Weg im 20. Jahrhundert von einer mittel-, ost- und südosteuropäischen Großmacht über ein sogenanntes zweites „besseres“ Deutschland, das schon nach 20 Jahren ein Teil  Hitlerdeutschlands wurde,  bis zur westeuropäisch orientierten Zweiten Republik, deren Territorium 1945 noch für zehn Jahre von den vier Alliierten Mächten besetzt blieb und die sich dann 1955 für „immerwährend neutral“ erklärte, hatte völlig neue Voraussetzungen für das bilaterale Verhältnis mit Russland  geschaffen.

 

Österreicher hatten in der Deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion gekämpft. Die Sowjetunion hat aber schon in der Moskauer Deklaration 1943 gemeinsam mit den USA und Großbritannien die Wiedererrichtung Österreichs als ein Kriegsziel erklärt. Die Rote Armee befreite und besetzte im Frühjahr 1945 Wien und den östlichen Teil Österreichs und bestimmte gemeinsam mit den Westmächten für zehn Jahre das Schicksal der wiedererrichteten Republik. Und schließlich waren es  im  Frühjahr  1955 die entscheidenden Verhandlungen in Moskau mit der Sowjetunion, die Österreich den Staatsvertrag und damit die volle Rückkehr als souveräner Staat in die internationale Staatengemeinschaft  ermöglichten.

Der Zweite Weltkrieg, zehn Jahre Rote Armee in Österreich  von 1945 bis 1955 und die Jahrzehnte des „Kalten Krieges“ mit ihren ideologi- schen Konfrontationen scheinen mit wachsendem zeitlichen Abstand keine prägenden kulturellen Ressentiments hinterlassen zu haben. Österreich er- innert sich eher daran, dass Johann Strauss vom russischen Adel in St. Pe- tersburg bei seinen Gastspielen bejubelt wurde und dass Stalin vor dem Ersten Weltkrieg kurz in Wien gelebt hat, um die Modelle der Habsburger- monarchie zur Lösung von Nationalitätenkonflikten zu  studieren.

Im zwanzigsten Jahrhundert haben die Beziehungen zwischen Öster- reich und Russland ihre wohl größten Herausforderungen erlebt. Das beim Wiener Kongress 1815 festgelegte Gleichgewicht der Mächte konnte fast hundert Jahre später nicht mehr den Ausbruch des Ersten Weltkrieges ver- hindern, der nicht zuletzt eine Folge der sich verschärfenden Konkurrenz- situation in den Balkanstaaten und in den polnischen Teilungsgebieten war und letztlich nach Hunderttausenden Kriegstoten auf den Schlachtfeldern von Galizien nicht nur  beide  Monarchien  zu  Fall  brachte, sondern auch das Ende einer jahrhundertelangen unmittelbaren Nachbarschaft bedeutete. Das neue republikanische Österreich gehörte zwar zu den ersten Staaten,    die mit der Sowjetunion diplomatische Beziehungen aufnahmen, aber für beide Staaten hatte das bilaterale Verhältnis seine frühere machtpolitische Bedeutung verloren. Es war erst wieder die Niederlage Hitlerdeutschlands und die Wiedererrichtung der Republik Österreich im Frühjahr 1945, die das russisch-österreichische Verhältnis zumindest für das in seinem östlichen Teil von der Roten Armee besetzte Österreich neuerlich zu einer zentralen Frage machte.

1955 lag es dann im gemeinsamen Interesse der damaligen Großmächte, einer Lösung der „Österreichfrage“ zuzustimmen, die in  dieser Form lange nicht für möglich gehalten wurde. Die Sowjetunion stimmte erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg einer Lösung zu, die den Abzug ihrer Truppen bedeutete. Es ist nicht schwer, daraus die Lehren für heute zu ziehen. Das Identifizieren und Betreiben von gemeinsamen Interessen in Europa liegt gerade in einer Zeit, in der sich die künftige multipolare Weltordnung noch nicht klar abzeichnet, im beiderseitigen Interesse.

Das neutrale Österreich konnte trotz seiner eindeutigen Zuordnung zum „Westen“ in den folgenden Jahrzehnten des „Kalten Krieges“ und der ideologischen Teilung Europas und der Welt seine Beziehungen mit der Sowjetunion weitgehend konfliktfrei halten. Beide Seiten hatten ein In- teresse daran, dass Österreich eine Sonderrolle einnehmen konnte. So war Wien 1961 der Ort eines Gipfeltreffens zwischen Kennedy und Chruscht- schow. Ab dem Jahr 1968 war Österreich der erste Staat diesseits des „Eiser- nen Vorhangs“, der mit russischem Erdgas beliefert wurde. Als die Sowjet- union in den 1970er- und 80er-Jahren jüdische Emigranten in den Westen ausreisen ließ, war Österreich die Transitstation für diese Emigranten. Ös- terreich honorierte dieses Sonderverhältnis damit, dass es bis zum Jahr 1989 keine volle Beteiligung am westeuropäischen politischen Integrationsprozess anstrebte, sondern seine Neutralität als Chance für eine Verstärkung von Vertrauen in einem ideologisch geteilten Europa  verstand.

Auch nach dem Ende der Ost-West-Teilung Europas und nach der Auflösung der Sowjetunion sowie dem Beitritt Österreichs zu den Europäi- schen Gemeinschaften blieb das Thema der notwendigen Vertrauensbildung in Europa ein positiver Bestandteil der österreichisch-russischen Beziehun- gen. Unter diesen Voraussetzungen konnte Wien 1995 zum Sitz der Or- ganisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) werden. Österreich ist seit 1995 Mitgliedsstaat der heutigen  Europäischen  Union, aber es ist nicht der NATO beigetreten und es hat sein Verfassungsgesetz  über die Neutralität so angepasst, dass es mit seinen Verpflichtungen als Mitglied der EU vereinbar ist. Für die österreichisch-russischen Beziehun- gen nach der Auflösung der Sowjetunion bedeutete all dies, dass zumindest  bis zum Georgienkrieg 2008 und zum Ukrainekonflikt seit 2014 der er- folgreiche Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen und die stark steigenden   russischen Touristenströme nach Österreich die bestimmenden Themen waren. In der aktuellen Situation, in der Russland vom Westen ein Bekenntnis zu einer multipolaren Weltordnung und zur Anpassung der europäischen Sicherheitsarchitektur verlangt, geht es nicht mehr nur um Wirtschaftsinteres- sen. Österreich hat als Mitglied der EU die illegale russische Annexion der Krim und die Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine verurteilt, aber gleichzeitig darauf hingewiesen, dass auch eine Lösung derartiger Kon- flikte in Europa nur mit und nicht ohne Russland möglich  ist.

Aber wie europäisch ist Russland, das in diesem Jahr den hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution begeht, den Jahrestag einer Revolution, die mit dem Kommunismus eine zutiefst europäische Idee verwirklichen wollte und vor 25 Jahren von den traditionellen Fragen seiner kulturellen Identität eingeholt wurde? Das europäische Integrationsprojekt beschäftigt sich seit seiner Gründung vor 60 Jahren in erster Linie mit politischen und wirt- schaftlichen Fragen und legt auch die Grenzen Europas nach politischen    und wirtschaftlichen Kriterien fest. In der Frage  der  Kultur  Europas  gel- ten aber offenbar andere Kriterien der Grenzziehung. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Werke von Dostojewskij, Tschaikowski und Eisenstein zu den großen europäischen Kulturleistungen zählen und andere europäische Künstler wesentlich beeinflusst haben. Der Einfluss der russischen Literatur, bildenden Kunst und Musik auf Europa und sein Selbstverständnis reicht    von den Literaten des 19. Jahrhunderts über die russische Moderne der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts bis zu den unzähligen russischen Musiklehrern an europäischen Universitäten. Schon diese Beispiele machen klar, dass es kein Europa ohne die russische Kultur gibt. Ist damit aber auch die Frage eindeutig beantwortet, ob Russland Teil der europäischen Kultur ist? Oder ist Europa nur von einzelnen, europäisch geprägten Künstlern fas- ziniert, deren Individualismus europäische Werte zu bestätigen geeignet er- scheint, aber auch gefährlich überhöht? War der Stalinkult russischer Künst- ler, die Begeisterung für den Marxismus – selbst bei einer Dichterin wie Anna Achmatowa – und die lange russische Tradition der „Selbstbewunde- rung, ja Selbstvergötterung“ (Czesław Miłosz) eine europäische Krankheit,  die Lenin mit der Oktoberrevolution nach Russland importiert  hat?

Als vor 300 Jahren Zar Peter der Große St. Petersburg gründete und später  Katharina  die  Große  russische  und  westliche  Geografen  dafür anstellte, um den Ural als „natürliche“ geografische Grenze Europas zu be- schreiben,  war  der  politische  Wille,  als  Teil  Europas  und  der  Zone der

„Aufklärung“ zu gelten evident. In dieser kulturellen Tradition stand letzt- lich auch das kommunistische Experiment von der Oktoberrevolution bis zur Auflösung der  Sowjetunion.  Aber  der  Kommunismus  verdeutlichte  als eine in Europa entstandene Weltanschauung, die in Russland Karriere machte, auch, dass die Liebesziehung zwischen Europa und Russland ambi- valent ist.

Der Historiker Orlando Figes beginnt seine Darstellung der Kultur- geschichte Russlands mit der berühmten Szene in Tolstois Roman „Krieg und Frieden“, in der die junge Fürstin Natascha ein ihr unbekanntes Volks- lied hört und instinktiv zu der Melodie zu tanzen beginnt. Diese Szene ver- deutlicht, dass es keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem europäi- schen Charakter der russischen Kultur gibt und dass – zumindest  bei Tolstoi

– eine parallele Existenz zwischen dem modernen europäischen Leben und russischen Traditionen wesentlich bleibt.

Derartige Gegensätze sind auch im Selbstbild und in der Selbstdar- stellung Russlands auffallend. Es ist sowohl an die sehr europäisch ausge- richteten 300-Jahr-Feiern St. Petersburgs im Jahr 2003 als auch an die im

  1. Jahrhundert unter Literaten verbreitete Auffassung, Russland sei „ein asiatisches Gebilde mit einer europäischen Fassade“ zu erinnern. Dies macht die Ambivalenz der russischen Kultur deutlich. Insgesamt spricht vieles da- für, Russland heute auf die europäische Seite zu stellen, aber man muss auch die Zeit vor 1991 und vor allem die Ära Lenin und Stalin beachten. Es ist auch nicht ohne Weiteres beantwortbar, wie sich Russland entwickeln wird. Wahrscheinlich ist, dass sich die traditionelle Trennung zwischen den Be- griffen Zivilisation und Kultur nicht aufheben wird.

Wenn es um Zivilisation geht, dann ist Russland Teil der  europäi- schen Zivilisation, aber kulturell bestehen weiterhin traditionelle  Vorbe- halte in den Russlandbildern  der  Europäer. Diese  Negativbilder  betonen die „Fremdheit“, erklären die bleierne Ruhe zum Grundzug des russischen Charakters und formulieren Angst und Bewunderung. Als Angst vor der Gestaltlosigkeit und dem moralischen Chaos wird dies idealtypisch von Jo- seph Conrad im Roman „Mit den Augen des Westens“ beschrieben. Die amerikanische Journalistin Flora Lewis fasst die Ambivalenz des    kulturellen Verhältnisses mit dem Satz zusammen: „Russland ist ein riesiger Schatten   auf dem vielfarbigen Fenster Europa.“ Noch deutlicher formulieren pol- nische Schriftsteller eine klare kulturelle Abgrenzung. Kazimierz Brandys schreibt: „Das Schicksal Russlands ist nicht Teil unseres Gewissens, es ist uns fremd, wir fühlen uns nicht verantwortlich. Es bedrückt uns, ist aber nicht unsere Tradition“. Auch bei Ceszław Miłosz wird Russland zum kulturellen Sonderfall, der sich vom verantwortungsethischen Ansatz Europas unter- scheidet: „Die Tiefe der russischen Literatur war für mich immer verdäch- tig.Was hat man von der Tiefe, wenn man sie mit einem viel zu hohen Preis erkaufen muß? Würden wir von zwei Übeln nicht das der ‚Oberflächlich- keit‘ vorziehen, wenn wir damit ordentlich gebaute Häuser, satte und um- sichtige Menschen haben  könnten?“

Am Beginn des 20. Jahrhunderts kritisierte der  europäisch  orien- tierte Geschichtsphilosoph Pjotr Tschaadajew das Russlandbild der Euro- päer: „Die Menschen in Europa vergreifen sich in sonderbarer Weise in Be- zug auf uns; sie versteifen sich darauf, uns dem Osten auszuliefern; durch eine Art des europäischen Instinkts stoßen sie uns in den Orient ab, um uns nicht mehr im Westen zu sehen.“ Stimmt diese Einschätzung heute wieder,  in einer Zeit, in der „Osteuropa“ sich als politische Kategorie aufgelöst hat und Russland fast unmittelbar an den „Westen“ grenzt? Ist Russland ein „europäischer Grenzfall“?

Auffallend sind die stark unterschiedlichen kulturellen Russlandbil- der, die im Westen und Osten Europas bestehen und die ein Spiegelbild der ganz verschiedenen historischen Erfahrungen darstellen.

In den westlichen Bildern über  die  russische  Kultur  konkurrieren drei verschiedene Vorstellungen, die an Einschätzungen anschließen, die be- reits die westliche Sicht auf das zaristische Russland bestimmt haben und insgesamt die Frage des europäischen Charakters ambivalent beantworten.   Im ersten westlichen Bild wird Russland von einem unauflöslichen Wider- spruch zwischen westlich und östlich orientierten Eliten geprägt. Es sei das Wesen  Russlands, dass sowohl Peter der Große als auch Rasputin in sei-   nen Traditionen Platz finden. Ein zweites westliches Bild zeigt das Land als Zivilisation, die sich letztlich nur auf sich selbst bezieht. Anne Applebaum zitiert in ihrem Buch „Zwischen Ost und West“ zeitgenössische russische Stimmen,  die  einerseits  Russland  zur  zivilisiertesten  Nation  der Welt erklären und andererseits vom größten Entwicklungsland der Welt     sprechen:

„Wir sind nichts. Was ist der Unterschied zwischen einem Bauern an der Wolga und jemandem, der im Dschungel Afrikas lebt?  Nichts, außer  dass der Afrikaner Sonne, frische Luft, sauberes Wasser und kein Eis im Winter hat.“  Ein  drittes westliches  Bild  konzentriert sich  auf  die  zivilisatorische

„Verspätung“ Russlands gegenüber dem Westen. Am eindeutigsten formu- liert dies der Historiker Anatol Lieven: „Die marktwirtschaftlichen Refor- mer haben die falsche Erwartung geweckt, dass es für Russlands Probleme

‚Lösungen‘ gibt. Russland kann in absehbarer Zukunft nicht den Lebens- standard, die Demokratie des Westens erreichen.“

Diese Russlandbilder verdeutlichen, dass seit dem Ende des Ost- West-Konflikts in Europa kulturelle Vorstellungen  über  Gemeinschaften  und ihre Grenzen wieder geografischer und historischer geworden sind. Dabei ist es nicht überraschend, dass gegenüber und in Russland geopoli- tische Überlegungen wieder eine Rolle spielen. Geopolitik spricht in der Regel gerne von den realpolitischen nationalen Interessen. Aber in der ak- tuellen Diskussion erzeugen die gegenseitigen propagandistischen Vorwürfe das weltanschauliche Bild, dass ein liberal-dekadenter Westen einem kon- servativ-autoritären Russland gegenübersteht. Die kulturellen Fremdheiten werden betont, die dann jeweils mit realpolitisch durchaus nachvollziehba- ren Fakten „unterfüttert“ werden (NATO-Erweiterung, Ukrainekonflikt, etc.). Kultur wird wieder zum Argumentationsmaterial für politische Inte- ressen. Schon Milan Kundera hat in seinem berühmt gewordenen Aufsatz   aus dem Jahr 1983 über die „Tragödie Mitteleuropas“ das Vorbild für diese Entwicklung gegeben. Er beschreibt darin anhand des Beispiels russischer Soldaten, die bei der Einnahme von Warschau das Klavier von Frédéric Chopin aus dem Fenster warfen, Russland als asiatische  Macht, die  nach 1945 die „Veröstlichung“ Mitteleuropas erzwungen hat.

Wenn Henry Kissinger mit seiner Bemerkung Recht hat, dass Geschichte für Nationen dieselbe Bedeutung hat, die der Charakter für Menschen hat, dann ist das freundschaftliche  Verhältnis  zwischen  Österreich und Russland heute wichtiger denn je. Eine Spirale des gegenseitigen Misstrauens zwischen Russland und dem Westen, in der jede Seite sich zu ihren Handlungen moralisch berechtigt fühlt, sichert keine Friedensordnung, weder in Europa noch in der Welt.

Österreich setzt jedenfalls – auch aufgrund der skizzenhaft geschilderten fünfhundertjährigen Erfahrung – gerade in schwierigen Zeiten auf den Dialog mit Russland und auf die Schaffung von gemeinsamen Interessen in Europa. Deshalb absolvierte der damalige österreichische  Bundespräsident Dr. Heinz Fischer 2016 einen seiner letzten offiziellen Auslandsbesuche in Moskau, und deshalb schloss gegen Ende des Jahres das größte österrei- chische Unternehmen OMV mit dem größten russischen Energiekonzern Gazprom in Wien eine Rahmenvereinbarung über die verstärkte Zusam- menarbeit. Und wie immer man die Tatsachen interpretieren möchte, dass  die Führung der derzeit stärksten österreichischen Oppositionspartei im Dezember 2016, gerade in dem Moment, als Russland wegen der Bombar- dierung Aleppos dem Vorwurf der Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt ist, nach Moskau reist, um mit der Regierungspartei „Einiges Russland“  eine Zusammenarbeitsvereinbarung zu unterzeichnen, und dass der inzwi- schen wegen Korruptionsvorwürfen entlassene russische Wirtschaftsminister Uljukajew gerade seinen letzten Auslandsbesuch im November in Wien ab- solviert, um ein für 2017 vereinbartes bilaterales Tourismusjahr anzukündigen – es ändert nichts an der Notwendigkeit dieses Dialogs. Vielleicht unterstreicht dies sogar, wie viel hier noch zu tun  ist.

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