Europa im Zangengriff des transnationalen Terrorismus Ursachen, Wandel und Bekämpfung des Terrors der dritten Generation

 

Europa im Zangengriff des transnationalen Terrorismus

Ursachen, Wandel und Bekämpfung des Terrors der dritten Generation

 

Der transnationale Terrorismus ist spätestens seit den Terroranschlägen von  2015 längst in den weichen Zentren Europas und damit in unserer unmittelbaren Nach- barschaft angekommen. Auch für Österreich bedeutet dies ein steigendes terroristi- sches Bedrohungsrisiko. Um diesem adäquat begegnen zu können, ist es unerlässlich, den hybriden Terrorismus der dritten Generation sowie dessen Logik und Funktions- weise zu verstehen.

 

 Prolog

Der Jihad „[…] ist vor den Toren Europas angekommen und hat sie durch- schritten […]“, wie der Islamforscher Behnam T. Said schon 2015 ange- kündigt hat.1 Der islamistische Terror, so scheint es, hat im Jahr 2016 nun endgültig mit brachialer Vehemenz die weichen Zentren Europas erreicht. Die Liste der Terroranschläge des vergangenen Jahres in der (un-)mittelba- ren Nachbarschaft Österreichs ist lang: Brüssel, Nizza, Ansbach, Würzburg und zuletzt Berlin. Ganz zu schweigen von den terroristischen Attentaten,  die beinahe im Monatsrhythmus in der Türkei stattfanden. Vielerorts kei- men berechtigte Fragen auf – etwa „warum Europa?“ und „warum gerade jetzt?“. Sind wir machtlos gegen den hybriden Terrorismus der dritten Ge- neration? Die Antworten hierauf sind vielschichtig und komplex  zugleich.

 

Hybrider Terrorismus

Zunächst ist zu klären, was „hybrid“ im Kontext des transnationalen Ter- rorismus bedeutet. Eine hybride Bedrohung entsteht aus dem konvergenten Zusammenwirken verschiedener Elemente der Gewalt(-androhung), die im Ensemble eine wesentlich größere Bedrohung in Aussicht stellen.2 So ent- falten etwa Sprengstoffe erst in Kombination der jeweils passenden Sub- stanzen ihr komplettes explosives Potenzial. Genauso verhält es sich mit der gegenwärtig dominanten Spielart des Terrorismus: Es werden dabei gezielt auf den ersten Blick unorthodoxe Verknüpfungen (Zielwahl, Vorgehens- weise, Bewaffnung, Effekte etc.) konstruiert, in der taktischen Vorbereitung berücksichtigt und von Kommandos (bzw. Einzeltätern) zur Anwendung gebracht, die in ihrer Effektivität eine ungekannte, negative Qualität sym- bolisieren. Als paradigmatisches Beispiel hierfür können die letzten Terror- amokfahrten von Nizza und Berlin gelten, welche die Unsicherheit und das subjektive Bedrohungsgefühl in der Bevölkerung potenziert haben. Von  der symbolischen Dimension der Anschläge (französischer Nationalfeiertag und Weihnachtsmarkt) gar nicht zu sprechen.

Kommunikative Gewaltstrategie

Publizität ist der Sauerstoff des Terrorismus, wie die „Eiserne Lady“ Mar- garet Thatcher einst so treffend bemerkte. Terrorismus, „stellt (…) eine Kommunikationsstrategie dar. Gewalt wird insoweit nicht wegen ihres Zer- störungseffekts, sondern als Signal verwendet, um eine psychologische Brei- tenwirkung zu erzielen“.3 Terrorismus geht naturgemäß eine symbiotische Beziehung mit den Medien ein. Eine Relation zum wechselseitigen Vorteil könnte man folgern. Doch die Medien fungieren gewissermaßen als Reso- nanzkörper terroristischer Gewalt und werden damit mehr volens als no-  lens zu einem willfährigen Erfüllungsgehilfen des Terrorismus degradiert. Durch eine häufig sensationslüsterne Berichterstattung wird  ein  künstli- ches Forum für die Terroristen und deren Anliegen geschaffen. Dem kru- den Gewaltakt selbst kommt also eine subsidiäre Geltung zu, wobei man zuletzt den Eindruck gewinnen konnte, dass Gewalt um ihrer selbst willen angewandt wurde. Mittels eines terroristischen Akts wird gemeinhin das öf- fentliche Interesse für die Attentäter und deren verquere Ideologie geweckt. Eine Gewaltbotschaft wird offen an die jeweiligen Adressaten übermittelt: Zum einen an potenzielle zukünftige Opfer beziehungsweise die angegrif- fene Gesellschaft, indem ein terroristischer Gewaltschlag bereits implizit die Androhung weiterer Anschläge enthält. Auf diese Weise sollen nachhaltig Furcht und Schrecken verbreitet werden und eine hysterische Öffentlich-  keit soll erzeugt werden, welche die Politik zu einem Richtungswechsel im Sinne der Terroristen bewegt. Weitere mögliche Adressaten der Gewaltbot- schaft sind zudem interne Gegner wie konkurrierende Terrororganisationen, aber auch Verbündete und Sympathisanten – also vor allem „der zu inter- essierende Dritte“, wie dies Herfried Münkler pointiert analysiert hat.4 Der Terrorismusforscher  Brian  Jenkins  hat  in  diesem  Zusammenhang  einmal treffend formuliert: „Terrorists want a lot of people watching, not a lot of people dead.“5

Natürlich gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, etwa mittels einer me- dialen Indifferenzkampagne, terroristische Gewaltbotschaften in ihrer Wir- kung zu hemmen. Voraussetzung hierfür wäre, dass nicht nur Qualitätsme- dien ihre Berichterstattung über Terroranschläge dahingehend sensibilisieren würden, dass man nur das Notwendigste an Informationen überliefert und Bilder nicht effektheischend ausschlachtet. Darüber hinaus soll Terroror- ganisationen und Attentätern als deren Proponenten  keine  übergebührli- che Plattform zur Selbstdarstellung geboten werden. In Hinblick auf einen steigenden Konkurrenzdruck und strenge Auflagenerfordernisse dürfte dies wohl eher ein frommer Wunsch, denn eine konkrete Handlungsoption blei- ben. Fakt ist, dass in Zeiten der sozialen Medien kaum ein Ereignis der öf- fentlichen Aufmerksamkeit mehr entgeht. Wir leben in einer Live-, Ticker- und Streaming-Gesellschaft. Der mediale Spannungsbogen wird zusehends überstrapaziert. Lediglich das „Wie“ der Berichterstattung könnte einen Unterschied machen und das gemeinhin aufgehende Kalkül der Terroris-  ten konterkarieren. Davon unbenommen:Terroranschläge in Europa werden sich leider ohnedies häufen, so die düstere Prognose.

 

Bedrohungslage

Denn die jihadistische Bedrohungslage hat sich in unseren Breitengraden jedenfalls bereits aufgrund der Hinwendung des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) zu einer globalen Terrorstrategie weiter zugespitzt. Der mittler- weile getötete IS-Propagandist al-Adnani hat in einer unzweideutigen Ge- waltbotschaft bereits 2014 dazu aufgerufen, Anschläge gegen „Ungläubige“ in deren unmittelbarem, eigenem Umfeld mit sogar einfachsten Mitteln zu verüben: „Zerschmettert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer, überfahrt ihn mit einem Auto, werft ihn von einem hohen Platz nach unten, erstickt oder vergiftet ihn.“ Die unzähligen   martialischen Reden, in denen der medienaffine Syrer, radikalisierte Muslime, potenzielle einsame Wölfe im Westen zu Attacken mit Messern, Äxten oder Lkws auf- forderte, werden nach wie vor verbreitet, gelesen und leider auch in die     Tat umgesetzt. All dies geistert weiterhin ungefiltert sowohl im arabischen Original als auch in diversen deutschen, englischen, französischen und rus- sischen, stets akkuraten Übersetzungen durchs Netz. Propagandistische Hochglanzmagazine mit einem Layout, wie man es aus Lifestyle-Publika- tionen kennt und Videos von hoher technischer Qualität im NS-Wochen- schaustil, downloadbar über  dubiose  Netzwerke  oder  obskure Webseiten, in denen eine professionell arbeitende Medienabteilung des IS das grau-  same Morden im Namen Allahs inszeniert, als sei der Jihad ein Actionfilm    in Hollywood-Manier, kann man vonseiten der Internetprovider oder der Webspezialisten der Sicherheitsbehörden immer wieder aufs Neue löschen. Sie sind wie der Kopf der Hydra, der stetig nachwächst. Eine in dieser Form vorgetragene Propaganda hat immanent eine perfide Bestimmung: freie Ge- sellschaften nachhaltig zu verunsichern und leicht anfällige, für Radikali- sierung empfängliche Elemente, mitunter auch amtsbekannte Gefährder zu ruchlosen, hinterhältigen Schreckenstaten anzuzstacheln. Gedachter End- punkt dieser Zerstörungsstrategie ist ein bewusst angezettelter Hobbes’scher Krieg aller gegen alle, ein Verfall in einen rauen Naturzustand, in dem es   nur Verlierer geben kann.

 

Eurozentrismus des Terrors

Obwohl der Begriff des Eurozentrismus im akademischen Gebrauch häu-    fig anders punziert ist und gemeinhin das kulturalistische Umstülpen einer europäischen Sichtweise beschreibt, hat er unter einer anderen Bedeutung, verstanden als eine zentripetale Bewegung, Einzug in den politischen Dis- kurs gehalten. Dass deshalb mittlerweile häufig von einem  „Eurozentris- mus“ des Terrorismus gesprochen wird, hat durchaus seine Berechtigung, bedenkt man die relative Häufung von terroristischen Attacken in Europa  seit 2015. Denn der „Feind“, wobei auch Österreich hiervon  gleicher- maßen umfasst ist, soll entsprechend der strategischen (Neu-)Ausrichtung der Terrormiliz, also der terroristischen Fokussierung auf den „weichen Bauch“  Europas,  durch  gewaltbereite  Kriegsheimkehrer  aus  Syrien  oder durch bestehende oder sich manifestierende Netzwerke bzw. sich selbst ra-dikalisierende Islamisten („homegrown jihadists“) vermehrt in dessen eige- nen Städten und häufig mit militärischen Mitteln angegriffen werden. Das politisch-strategische Ziel der Terroristen ist es, eine nachhaltige Destabi- lisierung oder sogar eine Politikänderung zu bewirken. Ein derartig pro- portionierter Terrorismus ist als Angriff auf den Staat zu qualifizieren und transzendiert dabei die Ebene der Kriminalität im landläufigen Sinne. Der transnationale Terrorismus der 2010er-Jahre hat damit eine politische, emi- nent staatsgefährdende Dimension  erreicht.

Generationenwechsel

Die erste Generation der Jihadisten waren noch eine Art selbsternannter Gotteskrieger im Sinne der klassischen „Mujaheddin“, die den Jihad primär als einen Befreiungskampf gegen Besatzer  interpretierten.

Die zweite Generation der Attentäter, die vor  allem  die Anschläge  des 11. Septembers verantwortete, war hierarchisch organisiert und gründ- lich geschult. Sie erhielt taktische Direktiven und Instruktionen von der Führungsspitze, und auf strategischer Ebene gab es eine Art jihadistischen Masterplan, der eine Schwächung bzw. Zerstörung des Hauptfeindes, der USA vorsah. Sogar noch im Nachklang von 9/11 war man im Bereich des

„Counter-Terrorism“, also der Terrorismusabwehr, weitestgehend davon überzeugt, dass sich das Phänomen Terrorismus (respektive die Terrororgani- sationen) nur bedingt weiterentwickelt habe, und war deshalb einigermaßen schockiert, dass die Attentäter am 11. September es als denkmöglich erach- teten und es schließlich auch vollbrachten, Flugzeuge zu Waffen umzufunk- tionieren. Immer wieder wurde zuvorderst der archaische Charakter des Ji- hadismus betont und man hat dabei seitens der Terrorismusabwehrinstanzen übersehen, dass sich sukzessive vor allem in den späten Jahren der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts eine neue Generation von Jihadisten heraus- gebildet hat, die nun willens und imstande ist, unsere Technologien und systemischen Errungenschaften gezielt gegen uns zum Einsatz zu bringen. Exemplarisch für diesen Trend im jihadistischen Austausch ist die intensive Benutzung von Instant Messaging und das Ausschlachten neuer Kommuni- kationsplattformen  –  Stichwort: „Internet of Things“. Generell  ist  die Bedeutung des Internets für terroristische Organisationsstrukturen und die Planung von dergleichen Vorhaben nicht geringzuschätzen. Im Vorfeld ei- nes jeden Terroranschlags in Europa in der Periode seit 2015 hat man inten- sive Recherchen und Kommunikation über das Web rekonstruieren kön- nen. Ein wichtiger Ansatzpunkt für eine gelingende  Bekämpfung!

 

Radikalisierung zum Jihad 3G

Die Geburtsstunde der dritten Generation des Jihad („Jihad 3G“-Gilles Kepel)6 ist im Jahr 2005 im Zuge der Jugendunruhen in den Pariser Banli- eues anzusiedeln. Als Reflex der Vergessenen, einer Generation sich chro- nisch benachteiligt fühlender, vor Gewalt nicht zurückschreckender Ju- gendlicher, ursprünglich meist nordafrikanischer Provenienz. Vorwiegend handelte es sich um junge Männer, die damals zwischen 15 und 25 Jahren waren, die nach Ritualen gesucht haben, um ihre als beschnitten empfun- dene Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Der zweite markante Einschnitt war das weitgehende Scheitern des „Arabischen Frühlings“, der als Aufbe- gehren der muslimischen Jugend mit Migrationshintergrund gegen soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Perspektivenlosigkeit verstanden werden muss.

Der Weg in die Radikalisierung war dabei nicht mehr weit. Der Terrorismusforscher Peter Neumann beschreibt  fünf  Bausteine,  respek-  tive Risikofaktoren, die bei Radikalisierung in  unterschiedlicher  Weise  eine mehr oder weniger große  Rolle  spielen: „Frust, Drang, Ideen, Leute und Gewalt“.7 Am Anfang eines jeden Radikalisierungsprozesses steht eine Frustration und damit die Anfälligkeit für eine (Gewalt-)Ideologie, die be- stimmte, in der Regel durchaus berechtigte menschliche Bedürfnisse zu befriedigen verspricht, etwa den Drang nach Orientierung, Gemeinschaft, Identität oder schiere Abenteuerlust. Der zugrunde liegende Frust wird ge- koppelt mit diesen Bedürfnissen durch die Ideologie bewusst in ein politisches oder religiöses Projekt, meist verbunden mit revanchistischen An- sprüchen, gelenkt. Bedeutsam sind zudem das soziale Umfeld und die Beeinflussung durch andere Personen (Verstärker, Katalysatoren) sowie Gewalt, entweder als eigene Erfahrung oder transitiv gegen andere gerichtet. Dieser Prozess kann sich sukzessive entfalten und manifestiert sich unter- schiedlich, genauso wie die Hemmschwelle zur Gewalt bei Individuen je- weils anders ausgeprägt ist. Die sogenannte Turbo- oder Blitzradikalisierung scheint hingegen ein Mythos zu sein. Im Zuge des Täter-Profilings bei der Mehrzahl der jihadistischen Attentäter konnte man immer wieder eine Vor- geschichte der Hinwendung zum Islamismus nachvollziehen, die sich prak- tisch immer über einen längeren Zeitraum erstreckt  hat.

Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016, Anis Amri, ein junger Tunesier, der exakt dieser „Generation der Vergesse- nen“ zuzurechnen ist, kann als ein „Elendsprodukt“ der „Arabellion“ sowie als Musterbeispiel für die Radikalisierung eines Kleinkriminellen und eine extreme Gewaltbereitschaft angesehen werden.8 Wie bei den meisten Atten- tätern der jüngsten Anschläge führte ihn sein Weg zuerst über die Kleinkri- minalität. Amris Radikalisierung erfolgte im italienischen Gefängnis, wo er erstmals in Berührung mit Jihadisten kam, was nachhaltig zu seiner Radi- kalisierung beigetragen hat. Dabei ist das Muster stets dasselbe: In der Haft wird dem jungen Delinquenten die Zugehörigkeit zu einem salafistischen Netzwerk, zumeist über eine Moschee draußen in der Freiheit, in Aussicht gestellt,  verbunden  mit  der  Idee,  dass  dieser  alsbald  Erlösung  durch den

„Heldentod“ im Jihad finden möge. Hierbei spielt das Motiv des Ruhmes eine entscheidende Rolle.9 Denn die Aussicht auf „Unsterblichkeit“ und  der

„Heldentod als Märtyrer“ haben noch immer eine enorme Anziehungskraft auf diese Menschen. Derzeit wird in der französischen Forschung in Hin- blick auf das Phänomen der Radikalisierung hitzig darüber debattiert, ob   wir es mit einer „Radikalisierung des Islam“ (Gilles Kepel) oder mit einer „Islamisierung der Radikalität“ (Olivier Roy) zu tun haben.10 Fast salomo- nisch erscheint hier der Weg der Mediasentenz praktikabel zu sein. Beide Ansätze haben, was Methodik und Erklärungswert betrifft, ihre Berechti- gung, und aus Sicht der Terrorismusforschung, basierend auf den Erkennt- nissen der Einzelfallanalysen der letzten Jahre,11 ist jeder Sichtweise für sich etwas abzugewinnen.

 

Die Vorgehensweise der dritten Generation der  Jihadisten

Aus den zahlreichen Radikalisierten der beschriebenen Generation der Vergessenen, gleichgültig ob fanatisierte Kriegsheimkehrer aus Syrien oder autochthone Islamisten in den europäischen Staaten, entstand gewisserma- ßen eine veritable jihadistische Bewegung. Der hybride Terrorismus der dritten Generation ist anarchisch lernfähig und hat aus dem einstigen Kul- turkampf im Sinne des Antagonismus „Jihad vs. McWorld“12 (Benjamin Barber) dialektisch einen neuen „McJihad“13 konstruiert, eine Art Franchise des Terrors. Darunter ist ein ausgeklügeltes System zu verstehen, das sich gezielt die (Kommunikations-)Technologien, die kapitalistische Ausrichtung des Westens sowie dessen offenkundige Vulnerabilität als offenes, liberales System für eigene terroristische Zwecke bewusst zunutze macht. Jeder kann sich kurzfristig aufschwingen und Teil dieses unkomplizierten „Mitmach– Unterfangens“ werden, ohne langwierige Verfahren, jedwede Vorlaufzeit oder komplexe Instruktionen. Die jihadistische Grundidee existiert    bereits, die grundsätzliche Marschrichtung ist vorgegeben, lediglich die Ausführung bleibt individuell zu bestimmen. Diese Disposition kommt dem essenziellen Überraschungsmoment von Terroranschlägen zugute und macht eine gelingende Abwehr zugleich ungemein schwierig.

Die sich nunmehr bedauerlicherweise bewährende Durchführungs- methode der letzten islamistischen Terroranschläge in Europa basiert auf ei- ner angepassten Form der „Auftragstaktik“, einer klassischen militärischen Führungsdoktrin, inklusive dem Zugeständnis größtmöglicher Flexibilität in der „Auftragserfüllung“. Gemäß solchen, zumeist simplen taktischen Richt- linien geben die jeweiligen IS-Kommandierenden ihren (zumeist nicht for- mal) Untergebenen ein Ziel und einen anzupassenden breiten (Zeit- bzw. Handlungs-)Rahmen vor, in dem das Vorhaben umzusetzen ist, bei gleich- zeitiger größtmöglicher Freiheit in der Durchführung. Für gegenwärtige Ausprägungen des hybriden Terrorismus bedeutet dies, dass die Attentäter, gleichgültig ob mit direktem Auftrag, aus eigenem Antrieb oder auch in Kombination beider Varianten, ungleich flexibler zu Werke gehen, als dies bisher der Fall war. Das Mikromanagement des transnationalen Terrorismus   à la 9/11 mit detailliert vorstrukturierten Abläufen dürfte nun zugunsten eines effizienteren, militärischen Verfahrens abgelöst worden sein. Die jiha- distischen Terroristen sind sukzessive von penibelst geplanten, operativ und logistisch aufwändigen, sogenannten „hyperterroristischen“14 (Heisbourg) Anschlagsszenarien abgewichen, um bedingt durch eine auftragstaktische Spontaneität für die Terrorismusabwehr graduell unberechenbar zu werden oder zu bleiben. Das Vorgehen der 3G–Jihadisten hat sich diversifiziert. Sie passen sich chamäleonartig den Präventionsmaßnahmen der abwehrenden Sicherheitsbehörden an. Sie verfügen über ein breites taktisches Angriffs- portfolio, das es ihnen erlaubt, flexibel zu agieren. Ihre Stärke ist die An- passung. Diese Flexibilisierung und bewusste Wendung zur Auftragstaktik kann durchaus als paradigmatisch für die sich anbahnende „fünfte Welle“   des Terrorismus15 angesehen werden. Auf derartige systemische Veränderun- gen  wie  die  postmoderne, rhizomartige (wie  ein  Baumwurzelwerk verästelte) Struktur von Terrororganisationen war unser, nach starren Prinzipien des Kampfes gegen den (Links-)Terrorismus der 1970er-Jahre, aufgebautes Abwehrsystem nicht wirklich vorbereitet.  Der  transnationale  Terrorismus hat sich nun effektiv globalisiert und ist damit leider auch effizienter gewor- den. Jeder potenzielle Attentäter kann, bedingt durch die globale, kommu- nikative Vernetzung, nicht bloß im DarkNet, Teil eines Terror-Franchise des IS oder anderer jihadistischer Organisationen werden und taktisch autonom einen verheerenden Terroranschlag verüben. Soweit die nüchterne Realität. In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, nochmals einen gesonder-     ten Blick auf prototypische Anschlagsarten und zugleich auf die derzeit vor- herrschende Täterstruktur zu werfen.

Geplant oder spontan?

Zuletzt haben sich zwei vorherrschende Arten von Terroranschlägen her- auskristallisiert – einerseits die von langer Hand geplanten Szenarien, die unter dem Fachbegriff „projektierter Terrorismus“ subsumiert werden. Hie- runter versteht man vor allem terroristische, zumeist simultan ablaufende Großszenarien, die durch Gruppenanführer, wie den Drahtzieher der Pa- riser Attentate, Salah Abdeslam, koordiniert werden. Dabei werden Terror- kommandos im IS-Einflussgebiet rekrutiert und ausgebildet und dann nach einigen Monaten in die europäischen Metropolen transferiert, vorpositi- oniert in der Nähe des Anschlagsziels. Sobald die Angriffe ausgelöst wer-  den, agieren die Terroristen nach einem  fix  vorgegebenen  Zeitplan  oder auf Initiative des lokalen Verantwortlichen (in der Regel des Drahtziehers) oder auf Anweisung aus der Hierarchie. Symptomatisch erfolgen diese An- griffe in der Regel nach dem sogenannten „Mumbai-Schema“  in  Form eines konzertierten, gleichzeitigen Losschlagens  mit  Schnellfeuergeweh-  ren und Sprengstoff an verschiedenen Orten, wie wir dies zuletzt in Paris  im November 2015 oder in Brüssel 2016 beobachten mussten. Diese Art   der Operation erfordert eine relativ statische, wenig flexible Logistik sowie eine anspruchsvolle und komplexe Vorbereitung. Zum anderen sehen wir uns derzeit mit Vorgehensweisen konfrontiert, die unter der Bezeichnung „opportunistischer oder Gelegenheitsterrorismus“ firmieren. Diese Katego- rie  umfasst  eigentlich  sehr  unterschiedliche  Konstellationen, die  alle bloß gemeinsam haben, dass das terroristische Agieren (zumeist eine lone wolf-Va- riante) sich aus der Kombination der operativen Propaganda, die durch den IS weitgehend in Umlauf gebracht wurde, und ein begünstigendes Umfeld ergibt. Im Regelfall besteht keine direkte Verbindung mit dem IS, wobei es bei der Mehrzahl der Anschläge von 2016 auch bei der Kategorie „Gele- genheitsattentäter“ fast ausschließlich Hinweise auf Kontakt mit einer Ter- rororganisation oder gar eine „Fernsteuerung“ durch selbige gegeben  hat.

Lehren für die Terrorismusbekämpfung

Gleichgültig, mit welchem Szenario wir konfrontiert sind, wir müssen  lernen zu akzeptieren, dass Terroristen taktisch den Sicherheitsbehörden zwangsläufig immer einen Schritt voraus sind. Der Zeitvorteil und das Überraschungsmoment der Erstaktion, die erst eine Gegenreaktion auslöst, liegen auf ihrer Seite. Es bedarf schlussendlich eines eigenen Anti-Terror- Paradigmas, das ein Substrat vernetzter, d. h. innerer und äußerer Sicherheit sein muss und Bekämpfungs- bzw. Abwehrzugänge gleichzeitig und gleich- berechtigt zur Anwendung bringt. Man muss den Netzwerken des Terrors Netzwerke der Bekämpfung (Prävention – Antizipation, Schutz) gegen- überstellen. Dies kann ausschließlich gesamtstaatlich erfolgen. Nur so kann man der sich dramatisch beschleunigenden Flexibilisierung und Heteroge- nität des transnationalen Terrorismus der dritten Generation gerecht wer- den. Terrorismusabwehr ist seit jeher ein Geduldspiel. Keinesfalls darf man hier und anderswo in einen hektischen Aktionismus verfallen und unüber- legt aus der Hüfte schießen. Denn dabei trifft man für gewöhnlich die fal- schen Ziele. Terrorismusbekämpfung war seit jeher ein Geduldspiel. Denn der Faktor Zeit bleibt die wesentliche Ressource im Kampf gegen den Ter- ror.

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