Das Pensionssystem der Zukunft

 

Das Pensionssystem der Zukunft

Steigende Zahlen an Arbeitslosen, ein Strom an schlecht ausgebildeten Flüchtlingen, ungünstige demografische Voraussetzungen, die Digitalisierung des Arbeitsmarktes, Arbeitnehmermobilität – dies sind alles Herausforderungen, die auf die eine  oder andere Weise die Zukunft des Pensionssystems belasten können. Dennoch blicke ich dieser mit Zuversicht entgegen. Die wichtigsten Schritte – eine Anpassung der Pensionsleistung an das Lebenseinkommen/Lebensbeitragsleistung sowie die Einschränkung der vorzeitigen Alterspensionen – sind bereits eingeleitet worden. Mit Disziplin, verstärkter Besinnung auf die zweite und dritte Säule der Altersvorsorge sowie  mit Mut zur Kostentransparenz wird unser Pensionssystem auch in Zukunft eine wichtige und finanzierbare Säule der Altersvorsorge  bleiben.

Blickt man auf das Jahr 2016 zurück, handelte es sich bei diesem um ein  sehr ereignisreiches, ja sogar geschichtsträchtiges Jahr. Angefangen beim Austritt Großbritanniens aus der EU über die Präsidentenwahl in den Ver- einigten Staaten von Amerika  bis  zum  Verfassungsreferendum  in  Italien hat sich weltpolitisch viel verändert. Aber nicht nur die Weltpolitik befindet sich im Wandel, sondern auch die österreichische Gesellschaft. Steigende Arbeitslosenzahlen, Ströme an schlecht ausgebildeten Flüchtlingen, stetig zunehmende Kosten des Sozialsystems, gekoppelt mit dem Wandel der Arbeitswelt Industrie 4.0, Internet der Dinge, E-Government, Cloudwor- king lassen die Bevölkerung an der Sicherheit des derzeitigen Systems zweifeln und mit Ungewissheit in die Zukunft und ihrem Lebensabend entgegensehen. Ist unser Pensionssystem tatsächlich zukunftsfähig? Wird sich Österreich als Sozialstaat dieses System leisten können? Was sind die Alter- nativen? Das sind die Fragen, mit denen ich mich im Zuge dieses Artikels auseinandersetzen möchte. Um jedoch zu wissen, wohin die Reise gehen soll, muss man sich darüber bewusst werden, von wo aus man startet. Lassen Sie mich daher zunächst mit dem Status quo  beginnen.

Der Status quo

Die derzeitige österreichische Altersvorsorge basiert systematisch bekanntlich auf einem Drei-Säulen-Modell, der gesetzlichen, der betrieblichen und der privaten Altersvorsorge. Im ersten Schritt werde ich zunächst das grundsätz- liche Zahlenwerk, sozusagen die Eckdaten im Zusammenhang mit der Al- tersvorsorge analysieren, um nachvollziehen zu können, ob die Unsicherheit in Bezug auf das zukünftige Pensionssystem tatsächlich gerechtfertigt  ist.

Die erste Säule, die gesetzliche Altersvorsorge, wird durch die österreichischen Pensionsversicherungsträger gewährleistet und im Wege des Umlageverfahrens durch Beiträge der Versicherten und  gegebenenfalls durch die Ausfallhaftung des Staates finanziert. Durchschnittlich sind im Kalenderjahr 2015 rund 2,3 Millionen Pensionen1  ausbezahlt     worden. 3,8 Millionen Bewohner Österreichs waren pensionsversichert und haben ins- gesamt 30.857 Millionen Euro an Beiträgen geleistet. Die erste Säule wies 2015 ein Gebarungsvolumen von rund 39.566 Millionen Euro auf, zu wel- chem durch den Bund im Zuge der Ausfallhaftung 7.488 Millionen Euro zugezahlt wurden. Sohin könnte man davon ausgehen, dass nur 77 % des Volumens der gesetzlichen Pensionsversicherung aus Beiträgen der Versi- cherten gedeckt wären, was grundsätzlich gegen die Finanzierbarkeit unse- res Systems sprechen würde.

Dabei wird vor allem der steigende Bundesbeitrag immer wieder kritisch gesehen, welcher sich von 6.603 Millionen Euro im Jahr 2011 auf 7.488 Millionen Euro im Jahr 20153 erhöht  hat.

Liest man diese  Zahlen,  ist  man  verleitet  davon  auszugehen,  dass es sich dabei um klare, absolute Größen handelt. Stark vernebelt werden  diese Zahlen jedoch dadurch, dass die Querfinanzierung der Pensionsver- sicherung durch Beiträge für Zeiten  der  Teilpflichtversicherung  (Zeiten  der Kindererziehung, des Präsenzdienstes, der Arbeitslosigkeit etc.), welche schlussendlich vom Bund beglichen werden, sich nicht in diesen Zahlen wi- derspiegelt. Alleine im Bereich der Pensionsversicherungsanstalt gehen im Jahr 2015 rund 3.250 Mio4 an Beitragseinnahmen auf  diese  Position  zu- rück. Nicht bedacht wird weiters, dass in den obigen Zahlen nicht nur Leis- tungen der Altersvorsorge beinhaltet sind. Die Pensionsversicherungsträger sind auch im Bereich der Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation wichtige Garanten für qualitätsvolle medizinische Versorgung und  Wiederherstel-  lung von betroffenen Versicherten. Nicht fassbar scheinen in dem obigen Zahlenwerk auch jene Personen auf, die vorübergehend wegen geminder- ter Arbeitsfähigkeit beziehungsweise geminderter Erwerbsfähigkeit nicht fä- hig sind, am Arbeitsmarkt mitzuwirken, doch mit Maßnahmen der medi- zinischen oder beruflichen Rehabilitation soweit wiederhergestellt werden können, dass  ihnen  eine  weitere Teilnahme  in  der Arbeitswelt ermöglicht wird. Während solcher Rehabilitationsmaßnahmen werden von den Pensi-onsversicherungsträgern die finanzielle Absicherung durch Rehabilitationsgeld, Umschulungsgeld oder Übergangsgeld sowie auch teilweise die  di- rekte Finanzierung der Maßnahmen übernommen. Dies sind sohin ebenfalls Leistungen, welche nicht der direkten Altersvorsorge dienen, aber als Kostenpunkte aufscheinen.

Ein weiterer beachtenswerter Kostenfaktor liegt in der Querfinanzierung der Krankenversicherung, welche durch die mit dem     sogenannten

„Hebesatz“ erhöhten Krankenversicherungsbeiträge der Pensionisten vorgenommen wird. Diese hat sich im Jahr 2015 alleine im Geschäftsbereich der Pensionsversicherungsanstalt auf 1.134 Millionen Euro5    belaufen.

Berücksichtigt man daher rein die tatsächlichen Leistungen aus dem Versicherungsfall des Alters, also der tatsächlichen Altersvorsorge, errechnet sich aus der Bilanz der Pensionsversicherungsanstalt für das Kalenderjahr 20156 eine wesentlich höhere  Deckungsquote, je  nach  Betrachtungsweise der Mittelherkunft, von bis zu 94,72 %. Sohin ist bei dieser Betrachtungs- weise derzeit der Großteil der Ausgaben für die reinen Pensionsaufwendun- gen gedeckt. Ich sage „derzeit“, da einerseits die Auswirkungen durch die Reformierung der gesetzlichen Ausgestaltung des Pensionssystems mit der Einführung des Allgemeinen Pensionsgesetzes7 (APG) erst in Ansätzen spür- bar ist und andererseits die demografische Belastungswelle noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat.

Die sich im Moment auf das Zahlenwerk auswirkenden Pensionsleis- tungen resultieren zu einem Großteil noch aus dem im Altrecht – Allge- meines Sozialversicherungsgesetz, Bauernsozialversicherungsgesetz, Sozial- versicherungsgesetz der gewerblichen Wirtschaft –, dem vorherrschenden Bemessungsgrundlagensystem oder aus Berechnungen aufgrund günstiger Übergangsbestimmungen und haben zu teils unverhältnismäßigen Pensions- höhen geführt. Verstärkt wird die finanzielle Belastung durch die im Altsys- tem vorgesehenen verschiedenen Arten des vorzeitigen Antritts von Alters- pensionen, welcher  mit  geringfügigen  bis  gar  keinen Abschlägen möglich gewesen ist. Mit Einführung des APG ist nunmehr die lebenslange Berück- sichtigung aller erworbenen Beitragsgrundlagen gewährleistet und dem frühzeitigen Antritt einer Alterspension mit höheren Abschlägen entgegen- gewirkt worden.

Aufgrund der nunmehr vorherrschenden Berechnungsmethode im Pensionskontosystem ist eine Koppelung der Pensionshöhe an das tatsächli- che Lebenseinkommen vorgenommen worden, durch welche bei Pensions- antritt unter der Annahme des Antritts zum Regelpensionsalter und unter Berücksichtigung von 45 pensionsversicherten Jahren mit 80 % des Lebens- einkommens gerechnet werden kann. Die Heranziehung des Lebensein- kommens wird jedoch zukünftig zu geringeren Leistungshöhen führen, als die im Altsystem vorgesehene Heranziehung der besten  Verdienstjahre.

Dies macht ein Bewusstsein der jüngeren Generationen für die Not- wendigkeit der Vorsorge in der zweiten und dritten Säule der Alterssi- cherung umso erforderlicher. Dem folgend ist auch durch die Einführung des Pensionskontos der Versuch unternommen worden, ein transparentes,   für jedermann leicht zugängliches Instrument zu schaffen, welches die ei- genverantwortliche Ergänzung mit Angeboten aus der zweiten und dritten Säule erleichtern soll.

Auch in der zweiten Säule, welche mit dem Betriebspensionsgesetz8 seit 1990 ihr erstes gesetzliches Korsett erhalten hat, gibt es bereits ver- schiedene Modelle der betrieblichen Altersvorsorge, angefangen von Di- rektzusagen des Arbeitgebers, über Pensionskassenzusage, betriebliche Kol- lektivversicherung und Direktversicherung bis hin zur Höherversicherung im ASVG. Die Verbreitung der betrieblichen Alterssicherung steigt zwar grundsätzlich, ist jedoch mit rund 794.907 Anwartschaftsberechtigten und 89.867 Leistungsbeziehern (Werte 2015)9 noch ein relativ kleiner Bestand- teil der österreichischen Alterssicherung.

Die dritte Säule wird  insbesondere  durch  das  Produkt  der  privaten Lebensversicherung abgedeckt. Aufgrund der Ausgestaltung der ersten Säule, in  welcher  Beiträge  nur  bis  zu  einer  Höchstbeitragsgrundlage berücksichtigt werden, und dem Umstand, dass private Lebensversicherungen zulasten des Konsumbudgets gehen, wird diese dritte Säule zurzeit insbe- sondere von mittleren und höheren Einkommensschichten in Anspruch genommen. Dies wird vor allem dann ersichtlich, wenn man sich bewusst macht, dass sich das Medianeinkommen des Jahres 201510 bei unselbstständig Erwerbstätigen auf rund 31.182 Euro jährlich belaufen hat. Zieht man die gesetzlichen Abzüge ab, ergibt sich sohin ein durchschnittliches Netto- einkommen von rund 1.600 Euro, welches zur Verfügung steht. Betrachtet man diese Zahlen, so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Altersvorsorge der dritten Säule ein Privileg der mittleren und insbesondere höheren Einkommensschichten ist.

Bestehende Problemstellungen

Sollen wir das Antrittsalter für Frauen schneller anheben?  Dies  ist  eine Frage, die heuer in der öffentlichen Debatte sehr häufig thematisiert wurde. Meiner Ansicht nach drängt sich jedoch weniger die Frage nach der Anglei- chung des Regelpensionsantrittsalters der Frauen auf, als die Frage nach der Angleichung des tatsächlichen Antrittsalters an das gesetzlich vorgesehene Regelpensionsalter.

Sieht man sich die Zahlen aus 1970 an, waren Frauen bei Antritt ihrer Eigenpensionsleistung damals im Durchschnitt 60,4 und Männer 61,9 Jahre alt.11 45 Jahre später betrug das Antrittsalter für Frauen 59,2 und für Männer 61,3. Das tatsächliche Antrittsalter  ist  sohin  zurückgegangen. Gleichzeitig ist die allgemeine Lebenserwartung jedoch angestiegen. Laut einer OECD- Studie12 befinden sich die österreichischen Frauen derzeit rund 25,4 und Männer rund 19,9 Jahre in der Alterspension. Beide Geschlechter befinden sich mit diesen Zahlen im absoluten Spitzenfeld der OECD-Staaten in Bezug auf die Dauer des Leistungsbezuges. Anzumerken ist hier zusätzlich, dass in der obigen Statistik zu dem Jahr 2015 die Bezieher von Rehabilitations- geld nicht berücksichtigt werden.Würde man diese, welche rein faktisch die ehemaligen Bezieher einer befristeten Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeits- pension sind, jedoch miteinbeziehen, würde sich ein noch niedrigeres, je- doch auch realistischeres tatsächliches Antrittsalter errechnen.

Diese Tendenzen – niedriges tatsächliches Antrittsalter in Verbindung mit einer längeren Lebenserwartung – lassen sich einerseits durch die be-  reits erwähnten Modelle der vorzeitigen Alterspensionen und andererseits durch den stark in Anspruch genommenen Bereich des Versicherungsfalles der geminderten Arbeitsfähigkeit erklären.

Der Problematik des Versicherungsfalles der vorzeitigen Alterspension ist mit Einführung des APG bereits entgegengewirkt worden. Die Eindäm- mung der Versicherungsfälle der geminderten Arbeitsfähigkeit und damit verbunden die Steigerung der Volksgesundheit sind durchaus hehre Ziele,  die jedoch auch durch Einführung des Rehabilitationsgeldes und der Maß- nahmen der beruflichen Rehabilitation in der  jetzigen  Ausgestaltung  bis dato nicht erreicht worden sind. Sieht man sich insbesondere die Ergebnisse der Maßnahmen der beruflichen  Rehabilitation  an, liegt  seit  Einführung des SRÄG (Sozialrechts-Änderungsgesetz) 201213 die Anzahl der reinteg- rierten Versicherten im niedrigen zweistelligen Bereich. Ob die nunmehr   im SVÄG (Sozialversicherungs-Änderungsgesetz) 2016 vorgesehenen Än- derungen in diesem Bereich zu einem weiterreichenden Erfolg führen wer- den, bleibt abzuwarten.

 

Zukünftige Problemstellungen

Das dem österreichischen gesetzlichen Pensionssystem immanente Umla- geverfahren basiert auf bestimmten demografischen Parametern, die dieses System ermöglichen. Systemgemäß muss das Verhältnis der Beitragszahler    zu den Leistungsbeziehern in einem angemessenen Verhältnis  stehen. Es wird  daher  die  prognostizierte  demografische  Entwicklung Österreichs al Relationsgröße für die zukünftige Finanzierbarkeit des vorherrschenden Pensionssystems angesehen.

Nach der derzeitigen Prognose bereiten uns insbesondere die ge- burtenstarken Jahrgänge, die Jahrgänge zwischen 1957 und 1972,14 Sorgen. Die Inanspruchnahme der Alterspensionen durch diese Jahrgänge in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren zieht einen doppelten negativen Effekt   für das Gesamtgefüge nach sich. Einerseits ist von quantitativ weniger Bei- tragszahlern und damit einhergehend weniger Beitragseinnahmen auszuge- hen, andererseits nehmen die zu versorgenden Leistungsbezieher quantitativ zu, was ein Ansteigen der Ausgaben zur Folge haben wird. Diese Relatio- nen müssen weiterhin in Zusammenhang mit der oben bereits erwähnten wachsenden Lebenserwartung und, damit einhergehend, mit der längeren Dauer des Leistungsbezuges gesehen werden. Mit den geburtenschwachen Jahrgängen sinkt naturgemäß auch die absolute Zahl der Geburten in den nachfolgenden Jahrgängen. Vergleicht man sohin das Jahr 1965 (129.924 Lebendgeburten) mit dem Jahr 1985 (87.44015 Lebendgeburten), wird deut- lich, wie immens sich dieser Umstand auf die Bevölkerungszahlen nieder- schlägt.

Nicht berücksichtigt und langfristig auch nicht abschätzbar ist  bei dieser Thematik jedoch die Frage, wie wir in Zukunft mit Zuwanderung umgehen und ob es der Europäischen Union beziehungsweise uns als Na- tionalstaat gelingt, eine zukunftsorientiere Einwanderungspolitik zu entwi- ckeln und durchzusetzen. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn wir Öster- reich als Staat für ausgebildete Arbeitnehmer und Unternehmer attraktiver machen. Als Relationsgröße sind 2015 lediglich 1.30016 Schlüsselarbeits- kräfte aus Drittstaaten zugewandert, jedoch haben 88.300 Personen  um Asyl17 angesucht. Ein Fakt ist, dass Österreich von einem Zuzug aus dem Ausland abhängig ist, denn ohne diesen würde die Zahl der Bevölkerung Österreichs drastisch sinken.18 Fakt ist auch, dass das Gros der um Asyl ansu- chenden Personen vom Ausbildungsniveau her weit unter dem österreichi- schen liegt und dass mit einem niedrigen Ausbildungsniveau ein erhöhtes Arbeitslosigkeits- und Armutsrisiko einhergeht. Daraus ergeben sich noch nicht abschätzbare Auswirkungen  auf  die  zukünftigen  Beitragseinnahmen in der Sozialversicherung, welche durch die Relation zum Arbeitseinkom- men bei schlecht ausgebildeten Arbeitskräften naturgemäß niedriger ausfal- len.Wie mit dem starken Zustrom an Asylsuchenden umgegangen wird und ob wir die Zeiten der steigenden Arbeitnehmermobilität im europäischen Wirtschaftsraum für uns nutzen können, bleibt  abzuwarten.

Ist die Arbeitnehmermobilität einerseits eine Chance, die demogra- fische Unausgewogenheit durch qualifizierte Arbeitskräfte zu stabilisieren, birgt sie andererseits große Herausforderungen für die Gesetzgebung und Vollziehung. Durch die Dienstnehmerfreizügigkeit ist auch ein stärkeres Reglement in Bezug  auf  ausländische  Unternehmen und  ihre Tätigkeiten im Inland notwendig geworden. Nicht zuletzt aus diesen Gründen sind in den letzten Jahren das Sozialbetrugsbekämpfungsgesetz  sowie  das  Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetz erlassen worden; es bleibt abzuwar- ten, ob diese ihre Wirkung erzielen werden.

Mit der Finanzierung des Systems ist immer die Beitragsentwicklung und damit einhergehend die Situation am Arbeitsmarkt verbunden. Auf die- sem Sektor vollzieht sich mit der Digitalisierung ein tiefgreifender Wandel der Arbeitswelt, was eine weitere Herausforderung für die österreichische Po- litik darstellt. Nach der viel zitierten Studie von Frey/Osborne (2013) sollen 47 % aller Beschäftigten in den Vereinigten Staaten von Amerika in Berufen tätig sein, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in der nahen Zukunft automati- siert werden können. Dies hat zu einer Vielzahl von ähnlichen Studien ge- führt, welche auch für europäische Länder von der Reduktion von Arbeits- plätzen durch die Digitalisierung ausgehen. Meiner Ansicht nach sollte man diesen Studien jedoch nicht zu viel Gewicht zukommen lassen.Wie nunmehr neue Studien, beispielsweise Arntz et al. (2016), unter Anwendung einer differenzierteren Methodik belegen, ist von einer viel geringeren Zahl an weg- fallenden Arbeitsplätzen auszugehen. Hinzu kommt, dass in den meisten Stu- dien nicht berücksichtigt wird, dass durch die Wandlung der Arbeitswelt auch neue, noch nicht vorstellbare Berufsbilder und Tätigkeitsfelder entstehen werden. Aber auch hier können pro futuro keine genauen Prognosen gestellt werden. Ein Terminus, der für diesen Wandel in der Arbeitswelt in der Indus- trie verwendet wird, ist „Industrie 4.0“. Man sollte sich bewusst machen, dass wir uns nunmehr, wie der Name bereits inkludiert, im vierten bedeutenden Wandel dieser Art befinden, die Beschäftigungszahlen jedoch bis dato stetig gestiegen sind. Auch besteht durch die Digitalisierung der Industrie und die stärkere Gewichtung von Know-how und Technologie die Chance, die In- dustrie wieder nach Europa zurückzuholen und infolgedessen wieder mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Um diese Chance nutzen und auf einem immer weiter digitalisierten Markt bestehen zu können, bedarf es jedoch auch flä- chendeckender qualitativer Ausbildung und Fortbildung.

Aus der Digitalisierung der Arbeitswelt und den immer fortschrittli- cheren Technologien ergibt sich ein weiterer Aspekt, der bei der langfristi- gen Analyse der Finanzierbarkeit der gesetzlichen Altersvorsorge nicht un- berücksichtigt gelassen werden darf. Die Arbeitswelt wird immer flexibler  und mobiler, ein standortbezogenes Arbeiten ist in vielen Bereichen nicht mehr notwendig. Arbeitsformen und Unternehmen, die sich des Crowdsourcing und Cloudworking bedienen, nehmen zu. Damit verbunden kann  es insbesondere bei  Arbeitsleistungen,  die  international  erbracht  werden, zu komplexen Herausforderungen für den Staat kommen. Einhebung und Kontrolle der staatlich vorgesehenen Steuern und Abgaben, aber auch der Sozialversicherungsbeiträge werden durch die wachsende internationale Beteiligung am Arbeitsmarkt deutlich erschwert. Durch die neuen Formen der Arbeitserbringung ist nicht nur der nationale Gesetzgeber hinsichtlich der arbeitsrechtlichen, steuer- und abgabenrechtlichen Bestimmungen gefordert, sondern auch die internationale  Staatengemeinschaft.

 

Das Pensionssystem der Zukunft

Ist unsere gesetzliche Altersvorsorge also zukunftstauglich und finanzierbar? Meiner Ansicht nach kann man diese Fragen unter gewissen   Einschränkun gen mit einem klaren Ja beantworten. Grundsätzlich haben wir  ein  sehr gutes System, welches jedoch in bestimmten Bereichen optimiert werden müsste, um zukunftsfit zu werden. Mit der Einführung des APG und den damit einhergehenden Änderungen sind bereits die zukünftigen Kosten der einzelnen Pensionsleistungen an die tatsächlich geleisteten  Beiträge  ange- passt und damit das Funktionieren  des  Umlagesystems  gesichert worden. Die dadurch entstehenden Effekte werden sich jedoch erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte bemerkbar machen. Ein sehr kritischer Punkt ist das derzeitige tatsächliche Antrittsalter. Wie bereits ausgeführt, müssen wir pri- mär das tatsächliche Antrittsalter an das Regelpensionsalter beziehungsweise an das Alter für die Korridorpension heranführen, bevor wir uns Gedanken über sonstige Ausweitungen des Antrittsalters machen. Wenn wir das hohe Leistungsniveau unserer gesetzlichen Altersvorsorge halten wollen, ist es je- doch logisch, dass es mit steigender Lebenserwartung auch zu einer ange- messenen Anhebung des Regelpensionsalters kommen muss, sei es nun über einzeln durchzuführende Novellierungen oder eine Pensionsautomatik. Die Anpassung des Antrittsalters für Frauen und damit die Schaffung eines ein- heitlichen Antrittsalters ist gesetzlich bereits initiiert und wird 2033 abge- schlossen sein. Die vorzeitige Alterspension, nunmehr Korridorpension, ist mit gerechtfertigten Abschlägen versehen worden, sodass das System – im Gegensatz zu den vorigen Modellen der Alterspension – nicht übermäßig belastet wird. Andere Möglichkeiten des frühzeitigen Antritts einer Alters- pension sollten nicht mehr möglich  sein.

Meines Erachtens werden auch im Pensionssystem der Zukunft zur Vermeidung des Versicherungsfalles der geminderten Arbeitsfähigkeit medi- zinische und berufliche Maßnahmen der Rehabilitation notwendig sein. In der Ausgestaltung wären jedoch Anpassungen vorzunehmen. Insbesondere  die Regelung des Berufsschutzes halte ich für veraltet und nicht mehr zeit- gemäß. Es ist für mich nicht verständlich, warum die Versichertengemein- schaft die finanzielle Absicherung für Personen, die grundsätzlich am Arbeitsmarkt noch einsetzbar sind, nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip übernimmt. Vielmehr sollte versucht werden, Versicherte solange als mög- lich im Erwerbsleben zu halten und die Pensionierung nur in jenen Fällen durchzuführen, in denen keine wie immer geartete Teilnahme am Erwerbs- leben  mehr  möglich  ist. Für  krankheitsbedingte  Erwerbseinbußen könnte an dieser Stelle (wie in  anderen  Ländern erfolgreich  praktiziert) eine Art von Einkommensschutz in Form einer Teilpension in Betracht gezogen werden.

Ein weiterer positiver und wünschenswerter, aber auch notwendiger Effekt des APG ist die Angleichung der einzelnen pensionsversicherungs- rechtlichen Normen, wobei eine rasche einheitliche Regelung in allen Sparten – sohin auch der Beamten – zu bevorzugen  wäre.

Handlungsbedarf besteht jedenfalls in der zweiten Säule, der betrieb- lichen Altersvorsorge. Auch wenn der Trendverlauf der letzten Jahre positiv war, ist die derzeitige Marktabdeckung noch lange nicht ausreichend. Wie bereits angeführt, werden die Auswirkungen der mit dem APG eingeführ- ten Reformen erst in Zukunft greifen. Mit dem neuen Berechnungssystem  ist nach wie vor für eine hohe Grundleistung gesorgt, doch nicht mehr in einem derartigen Ausmaß, dass das Gros im Sinne einer Lebensstandardsi- cherung abschließend versorgt ist. Eine Absicherung durch die zweite und dritte Säule der Altersvorsorge nimmt sohin an Bedeutung zu, das entspre- chende Bewusstsein dafür leider noch nicht. Hier sehe ich zumindest auf mittlere Frist noch Handlungsbedarf und die Notwendigkeit, durch die Ge- setzgebung weitere Anreize zur betrieblichen und privaten Vorsorge zu set- zen. Auch sollte man sich bereits jetzt mit der angesprochenen Thematik   des Wandels der Arbeitswelt und den neuen Arbeitsformen auseinanderset- zen und sicherstellen, dass auch Beschäftigte in diesen Branchen zu einer betrieblichen Absicherung kommen können. Von der Alternative, die erste Säule wieder zu stärken, würde ich jedenfalls abraten, würde dies doch auf- grund der steigenden Lebenserwartung und der prognostizierten demogra- fischen Struktur nur durch eine extreme Anhebung der Beiträge oder eine radikale Erhöhung des Antrittsalters finanzierbar  sein.

Aufgrund der bestehenden technischen Möglichkeiten und des Fort- schreitens der Digitalisierung sollte es  im  Pensionssystem  der  Zukunft  auch möglich sein, über eine zentrale Plattform, alle für den Leistungsbe-  zug wichtigen Informationen aufbereitet zur Verfügung zu stellen. Mit dem Pensionskonto ist grundsätzlich eine solche Plattform geschaffen worden,    die die erste Säule für die meisten Versicherten verständlich und leicht zugänglich darstellt. In weiterer Zukunft sollte es jedoch möglich sein, sich  über seine gesetzliche Pensionsleistung hinausgehend auch über seine privaten und betrieblichen Vorsorgeleistungen gebündelt informieren zu können. Mit einem solchen Maß an Transparenz würde den Versicherten die Gesamtsumme – und nicht bloß die jeweils einzelnen Bestandteile – zugänglich gemacht, was leichter zu einer langfristigeren Planung motivieren könnte.

Zusammengefasst bin ich der Ansicht, dass unser System der Alters- vorsorge in der Theorie ein sehr gutes ist. In manchen Bereichen besteht in der Praxis Optimierungsbedarf, in manchen Bereichen müssen wir diszipli- niert von einer Aufweichung der bestehenden Regelungen absehen. Zu oft wurde in der Vergangenheit das Pensionssystem dazu missbraucht, arbeits- platz- und wirtschaftspolitische Probleme zu lösen.

Sollte es uns gelingen, das tatsächliche Pensionsantrittsalter in eine vernünftige Relation zur Lebenserwartung zu bringen sowie für qualifi- kationsbedingte gute Beitragseinnahmen zu sorgen, sehe ich die Zukunft unseres bestehenden Pensionssystems auch für die nächsten Generationen gesichert.

 

 

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