Das Jahr ohne Postleitzahl

 

Das Jahr ohne Postleitzahl

Zwei Kanzler, viereinhalb Bundespräsidenten, aber nur ein einziger   ÖVP-Obmann

– 2016 war ziemlich ungewöhnlich. Was fehlte, war eigentlich nur der Klebstoff für die Briefwahlkuverts.

Das Jahr 2016 ist als Phänomen schwer zu fassen. Versuchen wir es ein-     mal Postleitzahlen-technisch: Fehlanzeige. Es gibt  in  Österreich  keinen  Ort mit der Postleitzahl 2016. Es gibt 2014 Breitenwaida und 2020 Holla- brunn (beide im Pröll-Land), aber dazwischen ist nichts, absolut nichts. Das kommt von den Gemeindezusammenlegungen.

Auch eine Primzahl-technische Untersuchung führt zu nichts. Primzahlen sind ja das Salz der höheren Mathematik, aber 2016: Fehlan- zeige. 2016 ist keine Primzahl, sondern durch vielerlei Zahlen teilbar, zum Beispiel durch sechs. Diese Division ergibt 336, was insofern interessant   ist, als in diesem Jahr Alexander der Große den Thron bestieg. Zur Be- urteilung des Jahres 2016 hilft das aber nur wenig weiter, denn Alexander der Große war in diesem Jahr weit und breit keiner in Sicht. Nur Alexan- der Van der Bellen.

Besser einzuordnen ist 2016 historisch. Denn historisch gesehen war dieses Jahr wirklich historisch. Im Deutschen Reich gab es das Dreikaiser- jahr 1888 und im alten Rom das Vierkaiserjahr 69. Aber das war alles nichts gegen 2016 in Österreich. Das war ein  Viereinhalbpräsidentenjahr!

Zunächst hatten wir einen Bundespräsidenten. Dann hatten wir scheinbar einen neuen Bundespräsidenten, aber eben nur scheinbar. Stattdes- sen bekamen wir drei Ersatz-Bundespräsidenten. Und am Ende erwählten wir uns doch einen neuen echten Bundespräsidenten, der allerdings 2016 nicht mehr angelobt wurde, sondern bis über den Jahreswechsel hinaus ir- gendwie in der Luft hing. Kompetenzmäßig zwischen Breitenwaida und Hollabrunn, sozusagen. Machte unterm Strich viereinhalb Bundespräsiden- ten in zwölf Monaten. Das muss uns bitte erst einmal jemand nachmachen.

Angesichts dieser staatsoberhäuptlichen Inflation ging es beinahe  unter, dass 2016 nicht nur ein Viereinhalbpräsidenten-, sondern auch ein Zweikanzlerjahr war. Das hatte nichts mit Wahlen zu tun, denn Bundes- kanzler werden in der hiesigen Demokratie nicht gewählt, sondern fallen  wie Naturereignisse vom Himmel. Quasi politisches Manna.

Das Manna, das im Mai vom Himmel fiel, hieß Christian Kern. Und wie ist er? Die Antwort steht wie immer in der Bibel. Dort – im zweiten Buch Mose – wird Manna als „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif“ beschrieben, „weiß wie Koriandersamen und mit dem Geschmack von Ho- nigkuchen“. Genau so ist Christian Kern.

Reiner Zufall ist es übrigens, dass es neben dem Zweikanzler- nicht auch ein Zweivizekanzlerjahr gab. An sich, also nach Adam ÖVP-Riese, wäre 2016 längst eine der turnusmäßigen Obmanndebatten in den kleineren Regierungs- parteien fällig gewesen. Sie fand auch statt, allerdings nicht mit dem turnusmä- ßig eintretenden Ergebnis des Obmannwechsels. Zwar wehrte sich der amtie- rende Parteichef gegen das gegen ihn in Stellung gebrachte Sesselsägewerk nicht sehr. Sondern er zitierte sinngemäß Friedrich August III., den letzten König von Sachsen, der 1918 die Nachricht von seiner bevorstehenden Absetzung mit den schönen Worten quittiert hatte: „Macht euch doch euern Dreck allene!“ So ähnlich sah das auch Reinhold Mitterlehner, das Problem war aber, dass nie- mand den Dreck, pardon: den ÖVP-Bundesparteivorsitz haben wollte.

Zwar hätte es einen Kandidaten gegeben – von seinen Anhängern liebevoll „Basti Fantasti“ genannt –, doch der blieb lieber Außenminister.  Seit Jahresbeginn 2017 führt er übrigens den Vorsitz in einem Verein, dem in puncto reges Vereinsleben nicht einmal die diesbezüglich nicht un-be- rühmte ÖVP das Wasser reichen kann: der OSZE. Und so schlägt sich Se- bastian Kurz jetzt halt mit Ukrainern und Kasachen herum, statt mit Nie- derösterreichern und Steirern. Naja, wie er meint.

Was  gibt es über die anderen Parteien im Jahr 2016 zu berichten?  Das Team Stronach war noch da. Die Neos waren  auch  da, obwohl  sie auch in diesem Jahr nicht so genau erklären konnten, wozu eigentlich. Die Grünen waren 2016 praktisch nicht da, denn aus Rücksicht auf ihren völ-   lig unabhängigen Präsidentschaftskandidaten, der zuvor niemals  Parteichef der Grünen gewesen war, enthielten sie sich das ganze Jahr über jeglicher Meinungsäußerung. Der Schaden für das Land hielt sich in Grenzen, ja, es soll sogar Leute geben, die sich ein solches flächendeckendes Ausschweigen auch von anderen Parteien gewünscht  hätten.

Und weil wir schon bei der FPÖ sind: Die war 2016 ziemlich sehr da. Der junge, dynamische, agile Oppositionsführer an der Parteispitze feierte sein zehnjähriges Dienstjubiläum, was ihn gleich noch jünger, dynamischer und agiler machte. Sein Ganz-sicher-nicht-Konkurrent um die  Parteifüh- rung lieferte gelungene Präsidentschaftswahlkämpfe sonder Zahl ab  und stand an deren Ende zwar nicht als neuer Bundespräsident, wohl aber als –   so die Selbstauskunft – „aufgeweckter Bär“ da. Ein Konkurrent des amtie- renden Parteichefs ist er aber, wie erwähnt, ganz sicher nicht.

 

Die staunenswerteste Leistung im Dritten Lager vollbrachte aber ein früherer FPÖ-Justizminister. Nein, nicht der mit dem Jaguar, sondern der andere. Er erreichte mit seiner Wahlanfechtung die Aufhebung der Bundespräsidentenwahl, zweiter Durchgang, durch den Verfassungsgerichtshof und erzwang einen dritten Wahltermin.

Eine noch staunenswertere Leistung vollbrachte anschließend das anonyme Briefwahlkuvert, das durch  hartnäckiges  Nicht-Kleben-Wollen die Absage des dritten Wahltermins und also einen Vierten erzwang. So ge- riet das Jahr 2016 zu einem Ganzjahresfasching.

Und das auch und vor allem in der Wiener SPÖ. Die Partei, die frü- her als ein Muster an Disziplin, Geschlossenheit und Kadergehorsam ge- golten hatte, gewöhnte sich 2016 einen internen Umgangston an, der die ÖVP alt aussehen ließ. Am 1. Mai marschierten die Genossen nicht mit-, sondern gegeneinander. Die mitgeführten Transparente richteten sich nicht gegen den politischen Gegner, oder besser gesagt: schon gegen den politi- schen Gegner, aber nicht den außer-, sondern innerhalb der Partei. Und als Höhepunkt der Mai-Kundgebung wurde der eigene Parteivorsitzende aus- gepfiffen, der wenige Tage später auch nicht mehr Parteivorsitzender und Bundeskanzler war. Anschließend wollte der bescheidene Mann – wie hieß   er nur gleich? – Chef der ganzen EU werden, was prompt zum EU-Austritt der Briten führte. Man wird sehen, wie das weitergeht.

Das wesentlichste Charakteristikum des Jahres 2016 war aber viel- leicht, dass es sich um ein Schaltjahr handelte. Es gab also einen 29. Fe-  bruar. Und just für diesen 29. Februar hatte sich die Große Koalition, die selbstverständlich auch 2016 amtierte, den Beschluss einer großen Pensions- reform vorgenommen. Nun, der 29. Februar kam und die Große Koalition beschloss – nichts. O ja: Sie beschloss (und zwar nicht nur in Sachen Pen- sionen), weiterhin nach folgendem Prinzip  vorzugehen: Schauma  mal. So hat die Regierung 2016 geschaltet und gewaltet. Deswegen hieß es ja auch Schaltjahr.

Wobei man nicht ungerecht sein darf: Die Regierungsarbeit war in diesem Jahr auch von echter Innovationskraft beseelt. Der neue Kanzler schaffte das Kanzler-Pressefoyer nach dem Ministerrat ab, weil er sich ver- ständlicherweise nicht von jedem dahergelaufenen Redakteurslehrling mit Fragen inkommodieren lassen wollte. Stattdessen halten dienstags jetzt   zwei völlig unbekannte Herren das Pressefoyer ab, von denen sich einer durch einen abenteuerlichen Krawattengeschmack auszeichnet, aber das nur ne- benbei.

Eine zweite atemberaubende Neuerung des Jahres war die Erkennt-  nis (und zwar eine Erkenntnis, die gleichzeitig Niederösterreich, Wien und Oberösterreich ereilte), dass die Amtszeiten von Landeshauptmännern viel- leicht doch endlich sind.

Die größte Innovation des Jahres 2016 war aber die Erfindung des strukturell adaptiven Obergrenzen-Rechenschiebers. Es handelte sich um eine flankierende Maßnahme zur Einziehung einer Obergrenze von 37.500 Asylverfahren pro Jahr. Wissenschaftlich war es dann eine hochkomplexe Aufgabe, eine Rechenmaschine zu konstruieren, die unabhängig von der gewählten  Rechenoperation  und  den  eingegebenen  Zahlen  nie  mehr als

37.500 ergibt. Aber was soll man viele Worte machen: Es gelang!

Unterm Strich war 2016 also ein ebenso wundersames wie wunder- bares Jahr. Und das nächste Jahr wird primär noch besser. Denn 2017 ist eine Primzahl.

 

 

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