Bundespräsidentenwahlen 2016: Politische Einstellungen und Motive der Wähler, regionale Trends und Wählerströme

 

 

 

fr itz plasser/fr anz sommer

Bundespräsidentenwahlen 2016: Politische Einstellungen und Motive der Wähler, regionale Trends und Wählerströme

Erster Wahlgang 24. 4., Stichwahl 22. 5.,

Wiederholung der Stichwahl 4. 12.

 

Nach einem langen und erbittert geführten Wahlkampf haben die österreichischen Wähler Alexander Van der Bellen mit 53,8 Prozent der gültig abgegebenen Stim- men in das Amt des österreichischen Bundespräsidenten gewählt. Im ersten Wahlgang schaffte Alexander Van der Bellen mit 21,3 Prozent der gültigen Stimmen die Hürde für die Stichwahl nur relativ knapp. Er lag lediglich 2,4 Prozentpunkte vor Irmgard Griss (18,9 Prozent). Um ein Vielfaches größer war der Vorsprung des FPÖ-Kandi- daten Norbert Hofer, der im ersten Wahlgang 35,1 Prozent der gültigen Stimmen auf sich vereinigen konnte. Scheinbar nicht aufholbare 13,8 Prozentpunkte trennten   am

  1. April 2016 Van der Bellen von Norbert Hofer, dem eindeutigen Sieger des ersten Wahlganges. Aber bei der Stichwahl am 22. Mai lieferten sich die beiden Kandidaten ein dramatisches Kopf-an-Kopf-Rennen. Von den gültig abgegebenen 3.731.832 Urnenwahl-Stimmen entfielen 51,9 Prozent auf Norbert Hofer und 48,1 Prozent auf Alexander Van der Bellen.Von den 740.339 gültig abgegebenen Briefwahl-Stim- men entfielen dagegen nur 38,3 Prozent auf Norbert Hofer und 61,7 Prozent auf Van der Bellen, der damit Norbert Hofer im Gesamtergebnis (Van der Bellen 50,35 Prozent, Norbert Hofer 49,65 Prozent) noch überholen konnte. Aufgrund nicht gesetzeskonformer Praktiken bei der Auszählung der  Briefwahlstimmen  in  einzel- nen Bezirkswahlbehörden und dem nur sehr knappen Vorsprung Van der Bellens ent- schied sich die FPÖ kurz vor Ablauf der Einspruchsfrist für die Anfechtung der Wahl. Die FPÖ hatte mir ihrer Wahlanfechtung Erfolg: Anfang Juli hob der Verfassungsge- richtshof die Stichwahl vom 22. Mai auf. Die Wiederholung der Stichwahl hätte   am
  2. Oktober stattfinden sollen. Aber wegen schadhafter Briefwahlkuverts musste der Wahltermin auf den 4. Dezember verschoben werden.

 

 

 

 

 

 

Erster Wahlgang der Bundespräsidentenwahl (24.4.2016)

Der spektakuläre Ausgang des ersten Wahlgangs der Bundespräsidentschafts- wahlen widerspiegelt tief reichende Veränderungen und Umbrüche der österreichischen Wählerlandschaft. Neben der Persönlichkeit und den in- haltlichen Positionen und Botschaften der Kandidaten, die bei einer Perso- nenwahl im Vordergrund stehen, wurde das Wahlverhalten durch mehrere kontextuelle Faktoren geprägt, die über die Präsidentschaftswahlen hinaus den österreichischen Parteienwettbewerb nachhaltig steuern und determi- nieren werden.

Dazu zählen zunächst nachhaltige Veränderungen in den demosko- pisch messbaren Stärkeverhältnissen der Parteien. Seit Spätherbst 2015 liegt die FPÖ in den demoskopisch erhobenen Parteipräferenzen mehrere Pro- zentpunkte vor den beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP. Obwohl  sich die Parteipräferenzen nicht linear auf Kandidatenpräferenzen umlegen lassen, hat die demoskopische Konjunktur der FPÖ die Wahlchancen des FPÖ-Kandidaten  außerordentlich begünstigt.

 

Tabelle 1: Bundespräsidentenwahl 1. Wahlgang 24.4. 2016: Wählerstimmen und Wähler­ anteile der Kandidaten

 

Kandidaten/Kandidatin im 1. Wahlgang Wählerstimmen absolut Wähleranteile in Prozent
Irmgard Griss 810.641 18,9
Norbert Hofer 1,499.971 35,1
Rudolf Hundstorfer 482.790 11,3
Andreas Khol 475.767 11,1
Richard Lugner 96.783 2,3
Alexander Van der Bellen 913.218 21,3

Wahlberechtigte: 6,382.507, Wahlbeteiligung: 68,5 Prozent, gültige Stimmen insgesamt: 4,279.170.

 

 

 

Der in dieser Dramatik nicht erwartete Ausgang des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen markiert aber auch den definitiven Zusammenbruch und  Zerfall traditioneller  Parteibindungen  und  Parteiloyalitäten. Nur mehr

 

 

 

 

 

rund ein Drittel der österreichischen Wahlberechtigten fühlt sich einer be- stimmten Partei auch gefühlsmäßig verbunden. Sechs von zehn Wahlberech- tigten stehen keiner bestimmten Partei nahe. Konsequenterweise verhallen Loyalitätsappelle der Traditionsparteien und geht deren Mobilisierungsfähig- keit von Wahl zu Wahl zurück. Umgekehrt steigt die Mobilitätsbereitschaft einer bereits mehrheitlich parteiungebundenen, volatilen Wählerschaft, die bei einer Personenwahl noch stärker zum Tragen kommt als bei einer Par- tei- und Listenwahl.

Der Zerfall traditioneller Parteibindungen trifft dabei die beiden Tra- ditionsparteien ungleich stärker als die oppositionelle FPÖ bzw. die Grünen. Beide Oppositionsparteien haben im Vergleich zu SPÖ und ÖVP über- schaubare Stammwählerkerne und erzielen gerade bei parteiungebundenen Wählern überdurchschnittliche Stimmenanteile.

Überschattet wurden die Präsidentschaftswahlen durch eine dramati- sche und tiefreichende Vertrauenskrise zwischen der Wählerschaft und dem politischen Partei- und Politikerestablishment. Nur mehr jeder fünfte ös- terreichische Wähler vertraut der Problemsicht und den Lösungsangeboten politischer Parteien und Parteieliten. Mehr als die Hälfte setzt nur mehr we- nig Vertrauen in die Handlungen und Entscheidungen politischer Eliten. Je- der vierte Wähler hat bereits gänzlich das Vertrauen in politische Parteien und Politiker verloren. Die politische Vertrauenskrise widerspiegelt sich am stärksten in der Wählerschaft des FPÖ-Kandidaten. Jeder zweite Hofer- Wähler hat überhaupt kein Vertrauen mehr in Handlungen und Entschei- dungen politischer Parteien und politischer Eliten. Es war ein generalisier-  tes und aufgestautes politisches Misstrauen, das sich in den Botschaften und Realitätsdeutungen des FPÖ-Kandidaten wiedergefunden  hat.

 

 

 

 

 

 

Tabelle 2: Vertrauen in Parteien und Politiker

Frageversion: „Wenn Sie an die Probleme denken, mit denen wir derzeit zu kämpfen haben: Würden Sie sagen, dass Sie unseren politischen Parteien und Politikern im Großen und Ganzen vertrauen, nur wenig vertrauen oder überhaupt nicht vertrauen?“

 

 

In Prozent Wähler Griss- Wähler Hofer- Wähler Hundstorfer- Wähler Khol- Wähler Van der Bellen-Wähler
Im Großen und Ganzen vertrauen  

23

 

24

 

7

 

42

 

48

 

28

Insgesamt nur wenig vertrauen  

54

 

61

 

51

 

52

 

43

 

59

Überhaupt nicht vertrauen  

24

 

16

 

42

 

5

 

9

 

12

 

 

 

Das politische Misstrauen richtet sich generell  gegen  politische  Parteien und Politiker, fokussiert aber im Kern auf die beiden Regierungs- und Ko- alitionsparteien. Tatsächlich hat die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Ko- alitionsregierung einen neuen Höchststand erreicht. Nur mehr 30 Prozent der Wähler beurteilen die Regierungsarbeit positiv. 70 Prozent der Wähler waren mit der Arbeit und den Leistungen der Koalitionsregierung explizit unzufrieden.

Bei Befragten, die mit der SPÖ/ÖVP-Koalitionsregierung auf Bun- desebene unzufrieden sind, erzielte FPÖ-Kandidat Norbert Hofer einen Stimmenanteil von 43 Prozent. Von den mit der Koalitionsregierung Zu- friedenen gaben ihm dagegen nur 19 Prozent ihre Stimme. Van der Bellen wiederum erreichte sowohl bei Zufriedenen als auch bei Unzufriedenen annähernd gleich hohe Stimmenanteile. Die Unzufriedenheit mit der Ar- beit der Bundesregierung bündelt sich wahlpolitisch in der Wählerschaft des FPÖ-Kandidaten. Dagegen wurden die beiden Kandidaten der Regierungs- parteien (für die SPÖ Rudolf Hundstorfer, für die ÖVP Andreas Khol) er- wartungsgemäß überwiegend von Wählern gewählt, die mit der Arbeit der Koalitionsregierung zufrieden sind.

 

 

 

 

 

Tabelle 3: Zufriedenheit mit der Arbeit der Koalitionsregierung

 

In Prozent Wähler Griss-Wähler Hofer- Wähler Hundstorfer- Wähler Khol-Wähler Van der Bellen- Wähler
Sehr zufrieden 2 1 1 3 4 1
Zufrieden 28 25 15 52 51 28
Unzufrieden 47 55 45 37 35 57
Sehr unzufrieden 23 19 39 7 10 13

 

 

 

Den vermutlich stärksten Einfluss auf die Kandidatenwahl hatten aber die Einstellungen der Wähler zur Flüchtlingskrise. Sie spalteten nicht nur die Wählerschaft insgesamt, sondern auch die Wählerschaften der Kandidaten. Generell sind die Einstellungen der Wähler, was die Möglichkeiten anlangt, weitere Flüchtlinge in Österreich  aufzunehmen,  mehrheitlich  skeptisch  und ablehnend. Rund 60 Prozent der Wähler sehen die Kapazitäten Öster- reichs, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, als erschöpft. Nur knapp mehr als ein Drittel der Wähler sehen für Österreich noch Möglichkeiten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen.

Die generellen Haltungen zur Flüchtlingskrise polarisierten die Wäh- lerschaften von Hofer und Van der Bellen. 84 Prozent der Hofer-Wähler sahen die Aufnahmekapazität Österreichs für weitere Flüchtlinge als er- schöpft. Umgekehrt glaubten 74 Prozent der Van der Bellen-Wähler, dass Österreich noch weitere Flüchtlinge aufnehmen könne.Von den Skeptikern, was die Aufnahme weiterer Flüchtlinge  betrifft, erhielt  Hofer  50  Prozent der Stimmen, während 42 Prozent derer, die noch Kapazitäten für die Auf- nahme weiterer Flüchtlinge sehen,Van der Bellen  wählten.

Die wahlpolitische Brisanz der Einstellungen zur Flüchtlingskrise konzentriert sich auf die Wählerschaften von Hofer und Van der Bellen und widerspiegelt sich nur ansatzweise in den Einstellungen der Wähler anderer Kandidaten.

 

 

 

 

 

 

Tabelle 4: Aufnahme von Flüchtlingen

Frageversion: „Was glauben Sie: Können wir noch mehr Flüchtlinge aufnehmen als wir bisher schon aufgenom- men haben oder sind unsere Möglichkeiten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, bereits erschöpft?“

 

In Prozent Wähler Griss-Wähler Hofer-Wähler Hundstorfer- Wähler Khol-Wähler Van der Bel- len-Wähler
Können weitere Flüchtlinge aufneh- men.  

 

37

 

 

44

 

 

13

 

 

37

 

 

30

 

 

74

Möglichkeiten bereits erschöpft.  

61

 

53

 

84

 

60

 

65

 

25

 

 

 

Weniger  ausgeprägt als bei Nationalratswahlen waren im ersten Wahlgang  der Bundespräsidentenwahlen die Unterschiede  im  Wahlverhalten  derer, die sich schon länger vor dem Wahltag definitiv festlegten (early deciders) und derer, die sich erst kurz vor dem Wahltag definitiv entschieden (late deciders). Mit Ausnahme von Frau Griss, die bei den late deciders nahezu doppelt so viele Stimmen erhielt wie bei den early deciders, zeigen die Da- tenbilder nur wenig interpretierbare Unterschiede. Auffallend ist nur, dass Hofer von beiden Wählergruppen gleichermaßen unterstützt wurde, wäh- rend Van  der Bellen bei den late deciders nur am dritten Platz liegt. Hät-   ten (kontrafaktisch) nur late deciders über den Einzug in die Stichwahl entschieden, wäre die Stichwahl zwischen Hofer und Griss zu entscheiden gewesen.

 

 

 

 

 

Welche einschneidenden Konsequenzen der Zerfall traditioneller Partei- bindungen und Parteiloyalitäten auf das Wahlverhalten haben kann, zeigt eindringlich eine Aufgliederung der Kandidatenwahl nach Parteipräferen- zen. 54 Prozent der ÖVP-Wähler bei Nationalratswahlen und 50 Prozent  der SPÖ-Wähler haben nicht den Kandidaten ihrer  Partei  gewählt, son- dern sich für die Wahl anderer Kandidaten entschieden. Hingegen votierten 86 Prozent der FPÖ-Wähler bei Nationalratswahlen und 71 Prozent der Grün-Wähler für ihren Kandidaten.

Knapp ein Viertel der SPÖ-Wähler bei Nationalratswahlen entschied sich für den FPÖ-Kandidaten. Jeder sechste SPÖ-Wähler gab seine Stimme dem Kandidaten der Grünen.Von den ÖVP-Wählern bei Nationalratswah- len wählte ein Viertel Frau Griss, jeder siebente ÖVP-Wähler votierte für Hofer, jeder zehnte entschied sich für den Kandidaten der  Grünen.

Von den NEOS-Wählern gab jeder Zweite Frau Griss seine Stimme, jeder vierte NEOS-Wähler entschied sich für Van der  Bellen.

Die vorliegenden Daten zeichnen das Bild einer volatilen, mehrheit- lich parteiungebundenen Wählerschaft und parteipolitisch heterogen zu- sammengesetzter Unterstützergruppen der beiden Stichwahlkandidaten, wobei Hofer nennenswerte SPÖ-Wählerschichten ansprechen konnte, Frau Griss wiederum stärker ÖVP-Wählerschichten an sich ziehen konnte.

 

 

 

 

 

 

Tabelle 6: Kandidatenwahl nach Parteipräferenz

 

 

In Prozent wählten Griss Hofer Hundstorfer Khol Lugner Van der Bellen
SPÖ-Wähler 8 22 50 1 1 18
ÖVP-Wähler 24 13 4 46 2 11
FPÖ-Wähler 8 86 1 2 2 2
Grün-Wähler 19 5 3 1 1 71
Neos-Wähler 47 13 2 4 7 26
Nicht-Deklarierte 34 28 3 9 6 19

 

Anmerkung: Parteipräferenz = Wahlabsicht bei einer Nationalratswahl zum Befragungszeitpunkt

 

 

 

Markant und polarisiert stellen sich die Zusammenhänge zwischen zentra-  len politischen Einstellungen und der Kandidatenwahl dar. Hofer erzielte    bei den mit der Regierungsarbeit Unzufriedenen doppelt so hohe Stim- menanteile wie bei Regierungszufriedenen. Von den Wählern, die politi- schen Parteien und Politikern generell misstrauen, gaben 64 Prozent ihre Stimme Hofer. Besonders auffallend ist die starke Polarisierung der Wähler- schaften von Hofer und Van der Bellen in der Flüchtlingsfrage: 42 Prozent derer, die noch weitere Aufnahmemöglichkeiten sehen, entschieden sich für Van der Bellen. Umgekehrt wählten 50 Prozent derer, die die Möglichkei- ten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, als erschöpft ansehen, den freiheitli- chen Kandidaten.

 

 

 

 

 

Die Wahlmotive wurden mit offenen Fragestellungen (keine Antwortvorga- ben) erhoben. Die Fragestellung lautete beispielsweise für die deklarierten Griss-Wähler: „Warum geben Sie Ihre Stimme Irmgard Griss? Was sind für Sie persönlich die ausschlaggebenden Gründe?“ Die Antworten auf diese Fragestellungen wurden nachträglich auf der Grundlage eines inhaltsanalyti- schen Kategorienschemas ausgewertet.

 

 

 

 

Offene Fragestellung, keine Antwortvorgaben (nachträgliche Vercodung der Antworten) Griss-Wähler in Prozent
Ist unabhängig, steht über den Parteien. 49
Weil sie die einzige Frau, die einzige weibliche Kandidatin ist. 28
Hat politische Erfahrung, ist kompetent. 18
Bringt frischen Wind, hat gute Ideen. 8
Ist sympathisch, nett. 7
Ist ehrlich und glaubwürdig. 7
Intelligent, klug, gebildet. 7
Ist die beste Kandidatin, besser als die anderen. 5
Zeigt großen Einsatz, ist engagiert. 5
Hat als Richterin gute Arbeit geleistet. 4
Hat ein gutes Auftreten, könnte Österreich gut repräsentieren. 4
Kennt sich in der Verfassung, im Recht aus. 4
Aus taktischen Gründen. 3
Ist das geringste Übel im Vergleich zu den anderen Kandidaten. 2

 

 

 

Zentrales, von jedem bzw. jeder zweiten Griss-Wähler/in zu Protokoll ge- gebenes Wahlmotiv war die Parteiunabhängigkeit von Frau Griss. Jeder Fünfte verwies auf die politische Erfahrung und Kompetenz von Frau Griss. Ein weiteres Wahlmotiv war die Erwartung, dass sie als Bundespräsidentin  für frischen Wind und neue Ideen sorgen würde. Ein weiteres Motivbündel sprach positive Persönlichkeitsmerkmale von Frau Griss an. Die Kompetenz, Österreich im Ausland repräsentieren zu können, wie die für das Amt un- verzichtbare Vertrautheit mit dem Verfassungsrecht wurde nur punktuell als Begründung der Kandidatenwahl genannt.

 

 

 

 

 

Fast 40 Prozent der Hofer-Wähler begründeten ihre Wahlentscheidung mit Verweisen auf das vergleichsweise noch junge Lebensalter des Kandidaten und sein als sympathisch empfundenes Auftreten und Erscheinungsbild. Je- der sechste Hofer-Wähler entschied sich für den FPÖ-Kandidaten wegen dessen Positionen in der Flüchtlings- und Asylfrage. Verweise auf die poli- tische Erfahrung, wie das repräsentative Auftreten  des  Kandidaten, bilden ein drittes Motivbündel. Oppositionelle Protestmotive, wie Parteiloyalität gegenüber der FPÖ, spielten im Vergleich zu den auf die Person und poli- tischen Positionen des Kandidaten bezogenen Wahlgründen nur eine nach- rangige Rolle.

 

 

 

 

Offene Fragestellung, keine Antwortvorgaben (nachträgliche Vercodung der Antworten) Hundstorfer- Wähler in Prozent
Ist sympathisch, nett. 28
Weil er Kandidat der SPÖ ist, bin SPÖ-Stammwähler. 25
Hat politische Erfahrung, ist kompetent. 17
Hat bisher gute Arbeit geleistet. 12
Ist der beste Kandidat, besser als die anderen. 8
Ist sozial, für „kleine Leute“, für Arbeiter. 7
Hat ein gutes Programm, macht guten Wahlkampf. 4
Ist ehrlich und glaubwürdig. 4
Ist das geringste Übel im Vergleich zu anderen Kandidaten. 4
Hat ein gutes Auftreten, könnte Österreich gut repräsentieren. 4
Bringt frischen Wind, hat gute Ideen. 3

 

 

 

Zentrale Motive für die Wahl von Hundstorfer waren sein als sympathisch anmutendes Erscheinungsbild wie die Tatsache, dass ihn die SPÖ als Partei- kandidaten nominiert hat. Darüber hinaus wurde Hundstorfer von seinen Wählern politische Erfahrung und gute Arbeit zugebilligt.

 

 

 

 

 

Tabelle 11: Motive für die Wahl von Andreas Khol

 

Offene Fragestellung, keine Antwortvorgaben (nachträgliche Vercodung der Antworten) Khol-Wähler in Prozent
Hat politische Erfahrung, ist kompetent. 38
Weil er Kandidat der ÖVP ist, bin ÖVP-Stammwähler. 18
Ist der beste Kandidat, besser als die anderen. 17
Ist ehrlich und glaubwürdig. 13
Ist sympathisch, nett. 13
Hat ein gutes Auftreten, könnte Österreich gut repräsentieren. 7
Ist das geringste Übel im Vergleich zu anderen Kandidaten. 5
Kennt sich in Rechts- und Verfassungsfragen aus. 4
Hat bisher gute Arbeit geleistet. 4
Bringt frischen Wind, hat gute Ideen. 4
Ist wirtschaftlich kompetent. 4

 

 

 

Primäres Wahlmotiv für die Wählerschaft von Khol war seine langjährige politische Erfahrung und Sachkompetenz. Zweites Wahlmotiv war die Tat- sache, dass er von der ÖVP als Parteikandidat aufgestellt wurde. Indirekte Verweise auf die wahrgenommene Kompetenz des Kandidaten widerspie- geln auch Wahlbegründungen, die ihn pauschal als den besten Kandidaten bezeichnen. Verweise auf persönliche Merkmale und sympathisches Auftre- ten runden die Motive der Khol-Wählerschaft ab.

 

 

 

 

 

Für Alexander Van der Bellen spricht aus Sicht seiner Wählerschaft in erster Linie seine langjährige politische Erfahrung und Kompetenz. Die Mehrzahl der vorgebrachten Entscheidungsmotive für die Wahl Van der Bellens be- zieht sich auf seine persönliche Ausstrahlung als gebildete, ehrliche, glaub- würdige, ruhig und besonnen auftretende Persönlichkeit. Die Erwartung auf frischen Wind im Amt wie die Positionen des Kandidaten in der Flücht- lings- und Asylfrage spielten gegenüber auf die Persönlichkeit fokussierten Begründungen in den Kandidatenmotiven nur eine nachrangige  Rolle.

 

 

 

 

 

Zweiter Wahlgang der Bundespräsidentenwahl (22. Mai  2016)

Der zweite – vom Verfassungsgerichtshof nachträglich aufgehobene – Wahl- gang der Bundespräsidentenwahl am 22. Mai 2016 wurde mit dem bisher knappsten Stimmenvorsprung (Norbert Hofer 49,7 Prozent, Alexander Van der Bellen 50,3 Prozent) entschieden. Durch die am Tag nach der Wahl aus- gezählten Briefwahlstimmen (746.110 = 16,7 Prozent der insgesamt gül-    tig abgegebenen Stimmen) konnte Alexander Van der Bellen seinen bei der Urnenwahl erreichten Wähleranteil noch von 48,1 auf 50,3 Prozent stei- gern und damit Norbert Hofer (49,7 Prozent) ganz knapp überholen. Die Wahlbeteiligung war gegenüber dem ersten Wahlgang deutlich   angestiegen

– von 68,5 Prozent auf 72,7 Prozent. Der Anteil an ungültigen Stimmen hat sich im Vergleich zum ersten Wahlgang von 2,1 auf 3,6 Prozent erhöht.

 

Tabelle 13: Bundespräsidentenwahl 2016 – zweiter Wahlgang 22.5.: Ergebnisvergleich Urnenwahl – Briefwahl

 

 

 

 

 

Bereits im ersten Wahlgang zeigte sich im Abschneiden der beiden Kandi- daten ein sehr markantes Stadt/Land-Gefälle. Im zweiten Wahlgang waren die Unterschiede zwischen den städtischen Zentralräumen und den ländli- chen Regionen noch stärker ausgeprägt. Norbert Hofer war in ländlichen Kleingemeinden am erfolgreichsten, Alexander Van der Bellen  erzielte  in den Landeshauptstädten und in der Bundeshauptstadt Wien seine besten Er- gebnisse.

 

 

 

 

 

 

Tabelle 14: Wähleranteile der Kandidaten nach Regionen

 

In Prozent der gültigen Stimmen Wahlbeteiligung Hofer Van der Bellen
Städtische Zentralräume Suburbanes Umland Mischstrukturregionen Ländliche Regionen 54,3

63,7

61,1

65,6

39,1

49,8

56,4

60,3

60,9

50,2

43,6

39,7

 

Quelle: „ARGE WAHLEN“, wahlstatistische Querschnittanalyse, ohne Berücksichtigung der Briefwahlstimmen.

 

 

Aus der Wählerstromanalyse des Instituts für Wahl-, Sozial- und Methoden- forschung geht hervor, dass 68 Prozent der Hofer-Wähler bereits im ersten Wahlgang für ihren Kandidaten gestimmt haben. Bei Van der Bellen lag der Anteil an Wählern, die ihre Stimme bereits im ersten Wahlgang Van der Bel- len gegeben haben, dagegen lediglich bei 41 Prozent. Van der Bellen hat deutlich mehr „Drittwähler“ (Griss-Wähler, Hundstorfer-Wähler, Khol- Wähler und Nichtwähler aus dem ersten Wahlgang) gewinnen können als Norbert Hofer.

 

Tabelle 15: Wählerstromanalyse BPRW 2016: Wanderungsbilanz Norbert Hofer (inklusive Schätzung der Briefwahlstimmen)

 

 

Wählerwanderungen:

2. Wahlgang 22.5. – 1. Wahlgang 24.4.

In Prozent der Norbert Hofer-Stimmen 22.5.
Bereits im ersten Wahlgang Norbert Hofer gewählt Im ersten Wahlgang Andreas Khol gewählt

Im ersten Wahlgang Rudolf Hundstorfer gewählt Im ersten Wahlgang Irmgard Griss gewählt

Im ersten Wahlgang nicht/ungültig gewählt

68

9

7

9

7

 

 

 

 

 

 

 

Tabelle 16: Wählerstromanalyse BPRW 2016: Wanderungsbilanz A. Van der Bellen (inklu­ sive Schätzung der Briefwahlstimmen)

 

 

Wählerwanderungen:

2. Wahlgang 22.5. – 1. Wahlgang 24.4.

In Prozent der

A. Van der Bellen- Stimmen 22.5.

Bereits im ersten Wahlgang Van der Bellen gewählt Im ersten Wahlgang Irmgard Griss gewählt

Im ersten Wahlgang Rudolf Hundstorfer gewählt Im ersten Wahlgang Andreas Khol gewählt

Im ersten Wahlgang Norbert Hofer gewählt Im ersten Wahlgang nicht/ungültig gewählt

41

21

13

9

3

13

 

Quelle: Institut für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung

 

 

Bei der dramatischen Bundespräsidentenstichwahl am 22. Mai  2016,  die nach einer Wahlanfechtung durch die FPÖ am 4. Dezember 2016 wieder- holt werden musste, standen sich nicht nur zwei Präsidentschaftskandida-    ten mit konträren politischen Einstellungen und inhaltlichen Positionen gegenüber, sondern auch zwei Wählerschaften, die konträre politische All- tagswelten repräsentierten. Die Bruch- und Spannungslinien zwischen den beiden Wählerschaften beschränkten sich nicht auf auffallende soziostruk- turelle Unterschiede nach Geschlecht, Alter, formaler Bildung und beruf- licher Qualifikation, sondern widerspiegeln zwei konträre Lebensrealitäten und Einstellungen zur Politik, die sich in dieser Schärfe bislang bei keiner bundesweiten Wahl abzeichneten.

Tatsächlich wurden die Präsidentschaftswahlen von einer tief reichen- den politischen Vertrauenskrise zwischen politischen Eliten und den Wäh- lern überschattet. Nur mehr jeder Vierte vertraute politischen Parteien und Politikern. Die Hälfte der Wähler setzte nur mehr wenig Vertrauen in poli- tische Parteien und Politiker. Ein Viertel hat überhaupt das Vertrauen in die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit politischer Repräsentanten verlo- ren.

Fast  drei Viertel  der Wähler, die  politischen  Parteien  und Politikern

„im Großen und Ganzen vertrauen“, gaben ihre Stimme am 22. Mai Ale- xander Van der Bellen. Umgekehrt wählten mehr als drei Viertel der Wähler,

 

 

 

 

 

 

die dem etablierten politischen System „überhaupt nicht vertrauen“, Nor- bert Hofer.

 

Tabelle 17: Politische Vertrauenskrise und Kandidatenwahl

Frageversion: „Wenn Sie an die Probleme denken, mit denen wir derzeit zu kämpfen haben: Würden Sie sagen, dass Sie unseren politischen Parteien und Politikern im Großen und Ganzen vertrauen, insgesamt nur wenig vertrauen oder überhaupt nicht vertrauen?“

 

In Prozent wählten Hofer Van der Bellen
Im Großen und Ganzen vertrauen (22 %) 27 73
Insgesamt nur wenig vertrauen (54 %) 48 52
Überhaupt nicht vertrauen (24 %) 76 24

 

 

 

Eine folgenreiche inhaltliche Trennlinie zwischen den beiden Präsident- schaftskandidaten war deren Position in Flüchtlings- und Asylfragen. Die konträren Positionen der Kandidaten widerspiegelten sich auch in den Einstellungen ihrer Wählerschaften. Für 85 Prozent der Hofer-Wähler wa- ren die Möglichkeiten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, zum  Zeitpunkt der Stichwahl bereits erschöpft. Von den Van der Bellen-Wählern glaubten Mitte/Ende Mai hingegen knapp 60 Prozent, dass Österreich noch weitere Flüchtlinge aufnehmen könne.

Groß  waren  die  Unterschiede auch  bei  der  Beurteilung der  Frage

„Festlegung von Obergrenzen für Flüchtlinge“: Während sich 83 Prozent  der Hofer-Wähler für Obergrenzen aussprachen, befürwortete von den Van der Bellen-Wählern nur jeder Zweite Obergrenzen für Flüchtlinge und Asylwerber.

Die konträren Einstellungen zu Flüchtlings- und Asylfragen wirken  sich offensichtlich auch auf subjektiv wahrgenommene Alltagserfahrungen der beiden Wählerschaften aus. Nur so lässt sich erklären, dass wenige Tage vor der Bundespräsidentenstichwahl am 22. Mai 26 Prozent der Hofer- Wähler, aber nur sechs Prozent der Van der Bellen-Wähler angaben, dass sie persönlich schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht haben.

 

 

 

 

 

Tabelle 18: Einstellungen zu Flüchtlings­ und Asylfragen und Kandidatenwahl Frageversionen: „Was glauben Sie: Können wir noch mehr Flüchtlinge aufnehmen als wir bisher schon aufge- nommen haben oder sind unsere Möglichkeiten, weitere Flüchtlinge aufzunehmen, bereits erschöpft?“ „Sind Sie persönlich bei der Anzahl von Flüchtlingen, die Österreich aufnimmt, für oder gegen die Festlegung von Obergrenzen?“ „Haben Sie in den letzten Monaten persönlich schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht oder war das nicht der Fall?“

 

 

In Prozent wählten Hofer Van der Bellen
Können weitere Flüchtlinge aufnehmen (35 %). Möglichkeiten sind bereits erschöpft (60 %). 16

70

84

30

Für Festlegung von Obergrenzen (67 %). Gegen Festlegung von Obergrenzen (30 %). 62

26

38

74

Schlechte Erfahrungen gemacht (16 %).

Keine schlechten Erfahrungen gemacht (84 %).

82

44

18

56

 

 

 

In der Wählerschaft des freiheitlichen Kandidaten konzentrierten sich fi- nanzielle und soziale Abstiegsängste sowie drohender Statusverlust, während sich vergleichbare Ängste und Sorgen nur bei einer Minderheit der Van der Bellen-Wähler zeigten. So entschieden sich rund 70 Prozent der Wähler, deren Lebensstandard sich in den letzten zwei bis drei Jahren verschlechtert hat, für den freiheitlichen Kandidaten. Umgekehrt gaben 73 Prozent derer, die ihren Lebensstandard gegenwärtig und auch für die Zukunft positiv be- urteilen, ihre Stimme Van der Bellen.

 

Tabelle 19: Finanzielle Situation, Abstiegsängste und Kandidatenwahl

Frageversionen: „Wie hat sich Ihr Einkommen und Ihre finanzielle Situation in den letzten zwei bis drei Jahren entwickelt? Hat sich Ihr Lebensstandard …?“

 

In Prozent wählten Hofer Van der Bellen
Lebensstandard eher verbessert (17 %) Lebensstandard kaum verändert (60 %) Lebensstandard eher verschlechtert (18 %) Lebensstandard stark verschlechtert (3 %) 27

49

70

81

73

51

20

19

 

 

 

 

 

 

 

Die bis zur Auszählung der letzten Briefwahlstimmen anhaltende Patt-Si- tuation zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten und der extrem knappe Ausgang der Bundespräsidentenstichwahl am 22. Mai haben in einer ungewöhnlichen Intensität polarisiert, Spannungs- und Konfliktlinien in der österreichischen Gesellschaft offengelegt, die weit über die Bundespräsiden- tenwahl 2016 hinaus wirksam sein werden.

 

 

Wiederholung der Stichwahl (4.12.2016)

Im Vergleich zur aufgehobenen Stichwahl vom 22. Mai, die Alexander Van der Bellen mit einem Vorsprung von rund 31.000 Stimmen knapp gewon- nen hat, konnte er bei der Wiederholung der Stichwahl am 4. Dezember   sein Ergebnis um + 3,5 Prozent verbessern und seinen Vorsprung vor Nor- bert Hofer deutlich vergrößern.

 

Tabelle 20: Bundespräsidentenwahl 4.12. 2016 – Wiederholung der Stichwahl vom 22.5.2016: Ergebnisvergleich Urnenwahl – Briefwahl

 

 

 

 

 

Neuerlich zeigte sich im Abschneiden der beiden Kandidaten ein stark aus- geprägtes Stadt/Land-Gefälle. Alexander Van der Bellen erreichte in den städtischen Zentralräumen mit  63,4  Prozent  seine  besten  Ergebnisse,  die er bei den Briefwahl-Ergebnissen noch um mehrere Prozentpunkte stärker steigern konnte  als  bei  den  Urnenwahl-Ergebnissen. Auch  im suburbanen

 

 

 

 

 

Umland konnte Van  der Bellen seine Mehrheitsposition deutlich ausbauen.  In den ländlichen Regionen konnte Norbert Hofer seine dominante Posi- tion behaupten,Van der Bellen hat aber mit einem Zugewinn von vier Pro- zent deutlich aufgeholt.

 

Tabelle 21: Wahlstatistische Aggregatdatenanalyse der Bundespräsidentenwahlen 2016: Wähleranteile der Kandidaten in städtischen/ländlichen Regionen

 

 

 

Regionaltyp

 

Hofer 4.12. in Prozent

Veränderung BPRW 4.12.–

BPRW 22.5.

+– Prozent

 

VdB 4.12.

in Prozent

Veränderung BPRW 4.12. –

BPRW 22.5.

+– Prozent

Städtische Zentralräume 36,6 – 2,5 63,4 +2,5
Suburbanes Umland 46,5 – 3,4 53,5 +3,4
Mischstrukturregionen 52,5 – 3,9 47,5 +3,9
Ländliche Regionen 56,2 – 4,0 43,8 +4,0
Gesamt 48,3 – 3,6 51,7 +3,6

 

 

Anmerkung: Wahlstatistische Aggregatdatenanalyse auf Basis des Urnenwahlergebnisses.

 

 

Nach den Wählerstromanalysen konnte Van der Bellen im Vergleich zur Stichwahl am 22.5. sowohl zusätzliche SPÖ-Wähler als auch zusätzliche ÖVP-Wähler gewinnen. 53 Prozent der SPÖ-Wähler bei der National- ratswahl 2013 haben am 4. Dezember Van  der Bellen ihre Stimme gege-  ben. 35 Prozent der SPÖ-Wähler entschieden sich für den freiheitlichen Kandidaten. Die Stimmen der ÖVP-Wähler bei der Nationalratswahl 2013 verteilten sich gleichmäßiger auf beide  Präsidentschaftskandidaten,  wobei sich tendenziell mehr ÖVP-Wähler, die sich an der Wahl  beteiligt haben,  für Norbert Hofer entschieden.

 

 

 

 

 

 

Tabelle 22: Wahlverhalten der SPÖ­ und ÖVP­Wähler bei der Bundespräsidentenwahl 2016

 

 

Wahlverhalten der SPÖ- und ÖVP- Wähler NRW 2013 bei den Bundes- präsidentenwahlen 2016 Stichwahl BPRW 22.5.

in Prozent

Wiederholung der Stichwahl BPRW 4.12.

in Prozent

 

Veränderung

+- Prozent

SPÖ-Wähler Norbert Hofer gewählt SPÖ-Wähler A. Van der Bellen gewählt SPÖ-Wähler nicht/ungültig gewählt 38

49

13

35

53

12

– 3

+4

– 1

ÖVP-Wähler Norbert Hofer gewählt ÖVP-Wähler A. Van der Bellen gewählt ÖVP-Wähler nicht/ungültig gewählt 46

35

19

43

39

18

– 3

+4

– 1

Quelle: Wählerstromanalyse Institut für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung.

 

 

Drei Viertel der Wähler waren bereits von Beginn an sicher, für welchen der beiden Präsidentschaftskandidaten sie sich entscheiden werden. Neun Pro- zent haben sich nach eigenen Angaben bereits vor Monaten definitiv auf einen der beiden Kandidaten festgelegt. Sechs Prozent trafen ihre definitive Entscheidung erst in den letzten Wochen. Lediglich sechs Prozent der Be- fragten zeigten sich noch wenige Tage vor der Wahl unsicher, für welchen Kandidaten sie sich letztlich entscheiden  werden.

 

Tabelle 23: Entscheidungszeitpunkt der deklarierten Wähler bei Wiederholung der Bundes­ präsidentenstichwahl am 4.12.

 

 

Antwortvorgaben In Prozent der Befragten

insgesamt

War bereits von Beginn an sicher 75
Habe mich bereits vor Monaten entschieden 9
Habe mich ersten in den letzten Wochen entschieden 6
Bis wenige Tage vor der Wahl noch immer unsicher 6
Weiß nicht, keine Angaben 5
Gesamt 100

 

 

 

 

 

 

 

In den politischen Einstellungen der Wählerschaften der beiden Präsident- schaftskandidaten zeichneten sich am 4. Dezember neuerlich jene Bruch-  und Spannungslinien ab, die bereits bei der ersten, vom Verfassungsgerichts- hof aufgehobenen Stichwahl am 22. Mai sichtbar waren. Die Bruch- und Spannungslinien zwischen den beiden Wählerschaften beschränken sich  nicht auf auffallende Unterschiede nach Geschlecht, Alter, formaler Bildung und beruflicher Qualifikation, sondern widerspiegeln zwei konträre politi- sche Alltagsrealitäten und Einstellungen zur  Politik.

Während 70 Prozent der Van der Bellen-Wähler mit dem Funktio- nieren der Demokratie mehr oder weniger zufrieden waren, zeigen sich 61 Prozent der Hofer-Wähler unzufrieden. Insgesamt wählten zwei Drittel der mit der österreichischen Demokratie Zufriedenen Van der Bellen, während sich zwei Drittel der mit der Demokratie Unzufriedenen für Hofer ent- schieden.

 

Tabelle 24: Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie und Kandidatenwahl

Frageversion: „Sind Sie mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Österreich funktioniert, …?“

 

In Prozent wählten Hofer Van der Bellen
Sehr bis ziemlich zufrieden (54) 32 68
Nicht besonders bis überhaupt nicht zufrieden (44) 65 35

 

 

 

Konträre Einstellungen fanden sich auch in den Haltungen zur Europäi- schen Union. So bewerten drei Viertel der Van der Bellen-Wähler die EU- Mitgliedschaft Österreichs als vorteilhaft, während nur jeder dritte Hofer- Wähler mehr Vorteile als Nachteile sieht.

Wähler, die die EU-Mitgliedschaft Österreichs positiv beurteilen, vo- tierten zu drei Viertel für Van der Bellen. Umgekehrt  stimmten  drei Vier- tel der Wähler, für die die Nachteile der EU-Mitgliedschaft überwiegen, für Hofer. Hofer erhielt auch 70 bis 80 Prozent der Stimmen jener Wähler, die der EU persönlich sehr kritisch bis ablehnend  gegenüberstehen, während Van der Bellen das pro-europäische Wählerpotenzial für sich mobilisieren konnte. 80 Prozent der Van der Bellen-Wähler vertreten im Kern pro-euro- päische Positionen.Von den Hofer-Wählern stehen nur 40 Prozent der   EU

 

 

 

 

 

 

mehr oder weniger positiv gegenüber. Bei 60 Prozent überwiegen kritische bis ablehnende Haltungen zur EU.

Was die im Wahlkampf kontrovers thematisierte Frage eines mögli- chen Austritts Österreichs aus der EU betrifft, ist die Antwort der Wähler eindeutig: Zwei Drittel der Wähler würden bei einer Volksabstimmung für einen Verbleib Österreichs in der EU stimmen. Nur 27 Prozent der Wähler würden die Austrittsoption unterstützen.Van der Bellen-Wähler würden zu rund 90 Prozent für den Verbleib Österreichs in der EU votieren. Polari- sierter, aber keineswegs eindeutig, stellt sich das Meinungsklima in der Ho- fer-Wählerschaft dar. 40 Prozent der Hofer-Wähler wären für den Verbleib Österreichs in der EU. 48 Prozent der Hofer-Wähler würden hingegen für einen Austritt Österreichs aus der EU stimmen.

Von den Wählern, die für einen Verbleib Österreichs in der EU stim- men würden, entschieden sich drei Viertel für Van der Bellen, ein Drittel wählte Hofer. Eindeutiger ist das Stimmverhalten der Befürworter eines Austritts Österreichs aus der EU: Über 80 Prozent der Austrittsbefürworter unterstützten Hofer, nur 17 Prozent gaben Van der Bellen ihre Stimme.

Die Wählerschaften der beiden Präsidentschaftskandidaten unterschei- den sich auch in ihrer Einschätzung der persönlichen finanziellen Situation. Für jeden zweiten Hofer-Wähler hat sich die persönliche finanzielle Situa- tion in den letzten Jahren verschlechtert, während nur jeder vierte Van der Bellen-Wähler den Eindruck hat, dass sich seine persönliche Situation ver- schlechtert habe. Wähler, die eine positive Entwicklung ihrer finanziellen Situation konstatieren, entschieden sich zu zwei Drittel für Van der Bellen. Umgekehrt stimmten zwei Drittel der Wähler, die von einer Verschlechte- rung ihrer finanziellen Situation ausgehen, für Hofer.

Die zukünftige Entwicklung ihres derzeitigen Lebensstandards sehen  die Wähler tendenziell verhalten bis skeptisch. Nur 45 Prozent der Wäh-    ler glaubten, ihren derzeitigen Lebensstandard in den kommenden Jahren aufrecht halten zu können, 51 Prozent der Wähler befürchten, immer mehr Abstriche machen zu müssen. Zu Einschränkungen ihres derzeitigen Le- bensstandards gezwungen zu werden, befürchten zwei Drittel der Hofer- Wähler. Von den Van der Bellen-Wählern sahen nur 36 Prozent zukünftige finanzielle Engpässe.

 

 

 

 

 

Tabelle 25: EU­Skepsis und Kandidatenwahl

Frageversionen:

„Was glauben Sie: Hat die EU-Mitgliedschaft unseres Landes für die österreichische Bevölkerung insgesamt eher mehr Vorteile oder eher mehr Nachteile gebracht?“

„Wie würden Sie Ihre persönliche Einstellung zur EU beschreiben: Sind Sie nach wie vor von der EU überzeugt, gegenüber der EU etwas kritischer geworden, gegenüber der EU sehr kritisch geworden oder schon immer gegen die EU gewesen?“

„Angenommen es kommt in Österreich wie in Großbritannien zu einer Volksabstimmung über den Verbleib Österreichs in der EU: Wie würden Sie sich da persönlich entscheiden – eher für einen Verbleib Österreichs in der EU oder eher für einen Austritt Österreichs aus der EU?“

 

In Prozent wählten Hofer Van der Bellen
Eher mehr Vorteile (54) Eher mehr Nachteile (36) 24

75

76

25

Nach wie vor von der EU überzeugt (22) Gegenüber EU etwas kritischer geworden (36) Gegenüber EU sehr kritisch geworden (30) Schon immer gegen EU gewesen (11) 13

38

69

78

87

62

31

22

Für Verbleib Österreichs in der EU (65) Für Austritt Österreichs aus der EU (27) 28

83

72

17

 

 

 

Von den Wählern, die überzeugt sind, ihren  derzeitigen  Lebensstandard auch in den kommenden Jahren aufrecht halten zu können, wählten zwei Drittel Van der Bellen, während umgekehrt zwei Drittel der Wähler, die von Einschränkungen ihres Lebensstandards ausgingen, ihre Stimme Hofer ga- ben.

 

 

 

 

 

 

Tabelle 26: Finanzielle Situation, Abstiegsängste und Kandidatenwahl

Frageversionen:

„Wenn Sie Ihre finanzielle Situation mit Ihrer finanziellen Situation vor vier Jahren vergleichen: Ist sie heute besser als vor vier Jahren, schlechter als vor vier Jahren oder unterscheidet sie sich nicht wesentlich?“

„Wenn Sie an Ihre finanzielle Situation denken, was glauben Sie: Werden Sie sich in den nächsten Jahren wei- terhin die Dinge leisten können, die Ihnen wichtig sind? Oder fürchten Sie, immer mehr Abstriche von Ihrem derzeitigen Lebensstandard machen zu müssen?“

 

In Prozent wählten Hofer Van der Bellen
Finanzielle Situation besser (23) 33 67
Finanzielle Situation schlechter (34) 63 37
Unterscheidet sich nicht wesentlich (40) 40 60
Weiterhin die Dinge leisten können (46) 32 68
Gezwungen, Abstriche zu machen (51) 62 38

 

 

 

Noch stärker als bei der Stichwahl vom 22. Mai bestimmten diesmal Verhin- derungsmotive das Stimmverhalten. Für 43 Prozent der Hofer-Wähler war  es ein zentrales Motiv, mit ihrer Stimme Van der Bellen als Bundespräsident zu verhindern. Noch stärker und offensichtlich mobilisierender war das Ver- hinderungsargument unter Van der Bellen-Wählern: 64 Prozent wählten Van der Bellen, weil sie vor allem Hofer als Bundespräsident verhindern  wollten.

 

Tabelle 27: Zentrale Beweggründe der Hofer­ bzw. Van der Bellen­Wähler

 

In Prozent
Wählten Hofer, weil sie von ihm persönlich überzeugt waren 57
Wählten Hofer, weil sie vor allem Van der Bellen als Bundespräsident verhindern wollten 43
Wählten Van der Bellen, weil sie von ihm persönlich überzeugt waren 36
Wählten Van der Bellen, weil sie vor allem Hofer als Bundespräsident verhindern wollten 64

 

 

Wähler, die Hofer in erster Linie ihre Stimme gaben, weil sie von ihm per- sönlich überzeugt sind, begründeten ihre Entscheidung primär mit dem Verweis, dass er der jüngere Kandidat sei. Ebenso angesprochen wurde  seine

 

 

 

 

 

sympathische Ausstrahlung und seine überwiegend ruhige, besonnene Art, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Jeder sechste Hofer-Wähler ent- schied sich für ihn, weil er für das Amt geeignet wäre und über hinreichen- den Charakter und Persönlichkeit verfüge. Sein patriotischer Heimatbezug, seine Ehrlichkeit wie sein bürgernahes Auftreten waren aus Sicht seiner Wähler weitere positive Motive der  Kandidatenentscheidung.

 

Tabelle 28: Wahlmotive der Hofer­Wähler, die von ihm persönlich überzeugt waren

 

Befragte, die NORBERT HOFER ihre Stimme geben, weil sie von ihm persönlich überzeugt sind In Prozent
Weil er jung/der jüngere Kandidat ist 17
Weil er mir sympathisch ist, weil mir seine ruhige/besonnene Art gefällt 16
Weil er für das Amt geeignet ist, ein gutes Auftreten hat, über Charakter und Persönlichkeit verfügt  

15

Weil er für Österreich eintritt, die Heimat in den Vordergrund stellt 10
Weil er ehrlich und verlässlich ist 9
Weil er frischen Wind und neue Ideen in die Politik bringt 9
Weil er bürgernah und sozial ist, für kleine Leute eintritt 9
Weil er als Dritter Nationalratspräsident gute Arbeit geleistet hat 8
Weil er Erfahrung und Kompetenz mitbringt 7
Weil mir sein Programm, seine Aussagen/Ideen gefallen 6
Weil er verkrustete SP/VP-Strukturen aufbrechen und einen Politikwechsel bringen würde 6
Weil er eine richtige (= strenge) Asylpolitik vertritt und sich gegen Zuwanderung ausspricht 6
Weil er Kandidat der FPÖ ist 5
Weil er die Probleme deutlich anspricht, eine klare Linie hat 5
Weil er der aktuellen EU-Politik kritisch gegenübersteht 4
Weil er für Tradition und Werte steht 2
Weil er die Regierung entlassen will 2
Weil er das geringere Übel ist 8
Sonstige Angaben 6
Weiß nicht, keine Angaben 6

 

Anmerkung: Ungestützte Fragestellung (offen), keine Antwortvorgaben, nachträgliche Zuordnung der von den Befragten protokollierten Antworten.

 

 

 

 

 

Konzentrierter und schärfer war die Motivlage bei jenen Wählern, die Hofer in erster Linie ihre Stimme gaben, um zu verhindern, dass Van der Bellen Bundespräsident wird.  Insbesondere  drei  persönliche  Kritikpunkte an Van der Bellen wurden direkt angesprochen: Der politische Hintergrund und die Unterstützung Van der Bellens durch die Grünen, sein fortgeschrit- tenes Lebensalter und sein – aus Sicht der Hofer-Wähler – unsympathisches Erscheinungsbild. Damit verbunden waren Zweifel an seiner Glaubwürdig- keit wie der Eindruck der Abgehobenheit und Distanz zur Alltagsrealität. Weitere Motive, die Wahl Van der Bellens zu verhindern, war der Eindruck, dass er zu weit links stehe und in Flüchtlings- und Asylfragen eine – aus Sicht der Hofer-Wähler – falsche Position vertrete.

 

Tabelle 29: Warum wollten Hofer­Wähler verhindern, dass Van der Bellen Bundespräsident wird?

 

Befragte, die NORBERT HOFER ihre Stimme geben, weil sie vor allem verhindern wollen, dass Alexander Van der Bellen Bundespräsident wird  

In Prozent

Weil er Kandidat der Grünen ist 28
Weil er zu alt ist 27
Weil er mir unsympathisch ist 19
Weil ich ihn für unehrlich und unglaubwürdig halte 13
Weil er abgehoben wirkt und nicht volksnah ist 12
Weil er eine falsche Ausländerpolitik vertritt und sich für Asylanten einsetzt 11
Weil er zu links (linksextrem) ist 10
Weil ich sein Programm, seine Aussagen/Ideen ablehne 8
Weil er für „Weitermachen wie bisher“/Stillstand steht 8
Weil er für das Amt des Bundespräsidenten ungeeignet ist 8
Weil er kein gutes Auftreten hat, nicht repräsentieren kann 5
Weil er ein Wendehals ist 5
Weil er eine FPÖ-Regierung nicht angeloben will 5
Weil er ein Zauderer ist und keine Entscheidungen fällt 4
Weil er nicht neutral und nicht unabhängig ist 3
Weil er die falsche EU-Politik unterstützt 2
Weil Hofer das kleinere Übel ist 2
Sonstige Angaben 5
Weiß nicht, keine Angaben 5

 

Anmerkung: Ungestützte Fragestellung (offen), keine Antwortvorgaben, nachträgliche Zuordnung der von den Befragten protokollierten Antworten.

 

 

 

 

 

Wähler, die Van der Bellen in erster Linie ihre Stimme gaben, weil sie von ihm persönlich überzeugt sind, begründeten ihre Kandidatenentscheidung primär mit dem Ansehen, das Van der Bellen im Ausland genieße, seiner ge- nerellen Eignung für das Amt des Bundespräsidenten, seinem ruhigen und besonnenen Auftreten in der Öffentlichkeit wie seiner fachlichen Kom- petenz und langjährigen Erfahrung als Politiker. Weitere wichtige Ent- scheidungsmotive waren aus Sicht seiner Wähler, dass Van der Bellen kein Populist sei, die Spaltungen im Land überwinden wolle, keine extremen Standpunkte einnehme und sich einer gemäßigten Sprache  bediene.

 

Tabelle 30: Wahlmotive der Van der Bellen­Wähler, die von ihm persönlich überzeugt waren

 

Befragte, die ALEXANDER VAN DER BELLEN ihre Stimme geben, weil sie von ihm persönlich überzeugt sind  

In Prozent

Weil er im Ausland Ansehen genießt und ein guter Staatsmann wäre 28
Weil er für das Amt des Bundespräsidenten gut geeignet ist 16
Weil er ruhig und besonnen auftritt 14
Weil er kompetent und gescheit ist 14
Weil er über große Erfahrung verfügt 10
Weil er ein gutes Auftreten und eine starke Persönlichkeit ist 10
Weil er kein Populist ist und für Versöhnung eintritt 10
Weil er nicht extrem und kein „Hassprediger“ ist 10
Weil er eine Pro-EU-Linie vertritt 8
Weil er mir sympathisch ist 8
Weil ich sein Programm (seine Aussagen/Ideen) für gut halte 6
Weil er ehrlich und verlässlich ist 6
Weil er etwas von Wirtschaft versteht 6
Weil er Kandidat der Grünen ist 5
Weil er weltoffen ist 5
Weil er sozial und bürgernah ist 4
Weil er sich für Menschenrechte einsetzt 3
Weil er das geringere Übel ist 8
Sonstige Angaben 8
Weiß nicht, keine Angaben 4

Anmerkung: Ungestützte Fragestellung (offen), keine Antwortvorgaben, nachträgliche Zuordnung der von den Befragten protokollierten Antworten.

 

 

 

 

 

Die Argumente jener Wähler, die Van der Bellen in erster Linie ihre Stimme gaben, weil sie vor allem verhindern wollten, dass Hofer Bundes- präsident wird, konzentrieren sich auf drei Kritikflächen: Jeder Dritte dieser Wähler hat sich für Van der Bellen entschieden, weil er die Ansichten Ho- fers als zu rechtsstehend einstufte, eine Wahl Hofers aus Sicht dieser Wäh- lergruppe dem Ansehen Österreichs im Ausland schaden würde und wegen der Tatsache, dass er der Kandidat der FPÖ sei. Der Eindruck, dass Hofer   ein Populist und Demagoge wäre, der als gewählter Bundespräsident eine FPÖ-Regierung einsetzen und das Land spalten würde, war neben erheb- lichen Zweifeln an Hofers Geradlinigkeit und seinem Amts- und Rollen- verständnis eine weitere Motivation, Van der Bellen die Stimme zu geben, um die Wahl Hofers in das Amt des Bundespräsidenten zu verhindern. Das zentrale Motiv – die Wahl Hofers zum Bundespräsidenten zu verhindern – stand auch im Vordergrund der Wähler, die sich erst in der Schlussphase des Wahlkampfes definitiv auf Van der Bellen festlegten.

Obwohl sich die politisch-institutionellen Systeme der USA und Ös- terreichs ebenso grundsätzlich unterscheiden wie die politischen Alltagskul- turen, wurden in den letzten Wochen punktuelle Parallelen, was Stil und Auftreten der Präsidentschaftskandidaten, wie auffallende Spaltungslinien in der Wählerschaft anlangt, diskutiert. Was das Wahlverhalten betrifft, zeigen sich im Vergleich der Wählerschaften tatsächlich tendenzielle  Ähnlichkei- ten. Clinton und Van der Bellen wurden von der überwiegenden Mehrheit der Wähler gewählt, die die allgemeine Wirtschaftslage als zufriedenstellend einschätzten, während Trump und Hofer Zweidrittel-Mehrheiten unter Wählern fanden, die die Wirtschaftslage pessimistisch beurteilten. Ebenso tendierten Wähler, deren finanzielle Situation sich in den letzten Jahren ten- denziell verbesserte, mit überwiegender Mehrheit zu Clinton bzw. Van der Bellen.Von den Wählern, die ihren derzeitigen Lebensstandard als gefährdet ansehen, wählten drei Viertel Trump bzw. in Österreich zwei Drittel Hofer.

 

 

 

 

 

Tabelle 31: Warum wollten Van der Bellen­Wähler verhindern, dass Hofer Bundespräsident wird?

 

Befragte, die ALEXANDER VAN DER BELLEN ihre Stimme geben, weil sie vor allem verhindern wollen, dass Norbert Hofer Bundespräsident wird  

In Prozent

Weil er zu rechte (extreme) Ansichten hat und rechtes Gedankengut vertritt 32
Weil er dem Ansehen Österreichs im Ausland schaden würde 20
Weil er Kandidat der FPÖ ist 16
Weil er Populist und Demagoge ist 8
Weil er eine FPÖ-Regierung einsetzen würde 7
Weil er unehrlich und unglaubwürdig ist 6
Weil er das Land spalten würde 6
Weil er mir unsympathisch ist 6
Weil er unberechenbar ist und ein falsches Amtsverständnis hat 5
Weil er „ein Wolf im Schafspelz“ ist 5
Weil er eine Strache-Marionette ist 5
Weil ich ihn für inkompetent und ungeeignet halte 4
Weil er eine Anti-EU-Einstellung hat 4
Weil er nicht neutral und nicht unabhängig ist 2
Weil er für einen Öxit eintritt 1
Weil Van der Bellen das kleinere Übel ist 2
Sonstige Angaben 9
Weiß nicht, keine Angaben 5

 

Anmerkung: Ungestützte Fragestellung (offen), keine Antwortvorgaben, nachträgliche Zuordnung der von den Befragten protokollierten Antworten.

 

 

Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang, dass nur 16 Prozent der öster- reichischen Wähler dem Wahlsieg von Donald Trump eher positive Aspekte abgewinnen konnten. Zwei Drittel reagierten auf den Ausgang der ameri- kanischen Präsidentschaftswahlen skeptisch bis negativ.

 

 

 

 

 

 

Tabelle 32: Trump­ versus Clinton­ und Hofer­ versus Van der Bellen­Wähler im Vergleich

 

In Prozent wählten Trump Clinton Hofer V. d. Bellen
Einschätzung der Wirtschaftslage in den USA bzw. in Österreich:

Eher positiv Eher negativ

 

 

18

67

 

 

78

27

 

 

32

67

 

 

68

33

Persönliche finanzielle Situation: Besser als vor vier Jahren Schlechter als vor vier Jahren Kein wesentlicher Unterschied  

24

78

46

 

72

19

46

 

33

63

40

 

67

37

60

Beurteilung der politischen Situation des Landes: Dinge entwickeln sich in die richtige Richtung Dinge entwickeln sich in die falsche Richtung  

8

69

 

90

25

 

33

52

 

67

48

 

Quelle: CNN Exit Poll bzw. GfK Vorwahltagsbefragung.

 

 

Kritische Beobachter des österreichischen Bundespräsidentschaftswahl- kampfes äußerten den Verdacht, dass es in der österreichischen Wählerschaft zu einer ideologischen Rechts-Verschiebung gekommen wäre, sich auch die ideologischen Positionen der Wähler im Zuge des erbittert und kontrovers geführten Wahlkampfes polarisiert hätten. Die vorliegenden Daten bieten keine Hinweise auf eine nennenswerte Veränderung des ideologischen Ko- ordinatensystems. 23 Prozent der Wähler positionieren sich links der Mitte, jeder Zweite fühlt sich der politischen Mitte verbunden und nur 17 Prozent stufen sich rechts der Mitteposition  ein.

Erwartungsgemäß konturierter stellt sich die ideologische Positionie- rung der beiden Wählerschaften dar.Van der Bellen-Wähler bezeichnen sich zu 43 Prozent als links der Mitte stehend. 42 Prozent fühlen sich der politi- schen Mitte zugehörig.

Von den Hofer-Wählern positionierten sich 56 Prozent in der politi- schen Mitte. Nur jeder dritte Hofer-Wähler bezeichnete sich als rechts der Mitte stehend. So unscharf  das  Links-Rechts-Kontinuum  auch  sein  mag: es bietet keine Hinweise auf eine Abkehr von der traditionell moderaten Mitte-Tendenz der österreichischen Wählerschaft.

 

 

 

 

 

Tabelle 33: Ideologische Position und Kandidatenwahl

Frageversion: „Man spricht in der Politik immer wieder von links und rechts. Wo stehen Sie? Wie würden Sie sich selbst einstufen?“

 

In Prozent wählten Hofer Van der Bellen
Eher links (22) 4 96
Mitte (48) 54 46
Eher rechts (16) 84 16

 

 

 

Die aus den Daten ersichtlichen Spannungs- und Spaltungslinien stellen in der Tat eine Herausforderung für eine verantwortungsvolle Politik dar. Sie werden die österreichische Innenpolitik voraussichtlich noch längere Zeit beschäftigen und auch auf das Wahlverhalten bei zukünftigen Wahlgängen erkennbaren Einfluss haben. Die offen gelegten Spannungs- und Spaltungs- linien haben aber – zumindest bis jetzt – noch nicht die generelle Stabili- tätsorientierung und den moderaten Grundkonsens der politischen Kultur Österreichs erschüttert. Der Ausgang der Präsidentschaftswahl am 4. De- zember scheint unsere Stabilitätsthese zu  stützen.

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